Krieg, Öl, Inflation – und die Börsen steigen weiter
Iran-Krieg, höhere Ölpreise, Rückkehr der Inflation, ein neuer US-Notenbankchef und historische Bewertungen bei KI-Aktien – wer auf ein ruhiges Börsenjahr gehofft hatte, wurde enttäuscht. Wer auf fallende Kurse gesetzt hatte, ebenfalls. Denn trotz geopolitischer Krisen, steigender Energiepreise und Zinssorgen legten die wichtigsten Aktienmärkte kräftig zu. Der US-Leitindex S&P 500 gewann seit Jahresbeginn rund 9 Prozent, der MSCI World etwa 8 Prozent. Auch Wien überraschte positiv: Der ATX stieg um rund 18 Prozent. Der Konflikt im Nahen Osten sorgte für Unsicherheit, die Inflation erwies sich als hartnäckiger als erwartet, und Hoffnungen auf rasche Zinssenkungen wurden enttäuscht. Dennoch blieben größere Kursrückgänge aus.
Starkes Halbjahr
Der wichtigste Grund liegt in den Unternehmensgewinnen. Trotz aller Krisen wächst die Ertragskraft vieler Konzerne weiter. Vor allem in den USA präsentieren zahlreiche Unternehmen Ergebnisse, die über den Erwartungen liegen. „Globale Aktienmärkte profitieren von guten zweistelligen Gewinnerwartungen für heuer und 2027“, sagt Friedrich Mostböck, Head of Group Research bei der Erste Group Bank. „Vielfach ist die Aktienveranlagung auch in dem Zinsumfeld alternativlos.“ Für den S&P 500 erwarten Analysten heuer Gewinnzuwächse von knapp 20 Prozent.
„Globale Aktienmärkte profitieren von guten zweistelligen Gewinnerwartungen für heuer und 2027.“
Erste Group
US-Dominanz und KI
Die USA bleiben die Lokomotive der Weltbörsen. Getrieben wird die Entwicklung vor allem von großen Technologie- und KI-Unternehmen. Die Euphorie rund um künstliche Intelligenz ist der dominierende Investmenttrend des Jahres. Allerdings konzentrieren sich die Kursgewinne zunehmend auf wenige Schwergewichte. Die sogenannten „Magnificent Seven“ prägen den Markt stärker denn je. Halbleiter- und Hardwareunternehmen profitieren von milliardenschweren Investitionen in Rechenzentren und KI-Infrastruktur. „Ausschließlich die Sektoren Technologie und Kommunikationsdienste erreichten während des zweiten Quartals neue Allzeithochs“, sagt Marion Morales Albiñana-Rosner, Vorständin für Wealth Management & Private Banking der UniCredit Bank Austria. „Demgegenüber blieb die Software-Branche zurück.“ Von einer KI-Blase will Mostböck dennoch nicht sprechen. „Wir sehen aktuell weiterhin keine KI-Blase, da vor allem die Nachfrage aus dem Unternehmenssektor stark ist.“
„Ausschließlich die Sektoren Technologie und Kommunikationsdienste erreichten neue Allzeithochs.“
UniCredit Bank Austria
Während die USA von Technologie und Innovation profitieren, kämpft Europa mit strukturellen Problemen. Hohe Energiepreise, schwaches Wachstum und die Aussicht auf länger hohe Zinsen belasten viele Unternehmen. Brent-Rohöl verteuerte sich seit Jahresbeginn von rund 62 auf mehr als 90 Dollar je Fass. Für Europas Industrie wirkt das wie eine zusätzliche Steuer auf die Produktion. „Europäische Industrieländer leiden unter dem Doppeldruck aus hohen Energiekosten und Notenbank-Zinserhöhungen“, sagt Karin Kunrath, Chief Investment Officer bei Raiffeisen Capital Management. Gleichzeitig bleiben europäische Aktien deutlich günstiger bewertet als US-Titel. Für langfristig orientierte Anleger könnte genau darin eine Chance liegen.
„Die größten Risiken bleiben hohe Bewertungen, Inflation und geopolitische Unsicherheit.“
RCM
Schwellenländer-Comeback
Zu den großen Gewinnern des ersten Halbjahres zählen die Schwellenländer. Vor allem Taiwan und Südkorea profitieren von ihrer Schlüsselrolle in der globalen Halbleiterindustrie. Die starke Nachfrage nach KI-Chips sorgt dort für kräftiges Wachstum. „Emerging Markets werden bereits seit Längerem in unserer Anlagestrategie übergewichtet“, sagt Morales Albiñana-Rosner. Auch Mostböck sieht Potenzial. Besonders Zentral- und Osteuropa entwickle sich zunehmend zu einem Wachstumsmotor innerhalb Europas.
Raiffeisen-Nachhaltigkeit-Mix (ISIN: AT0000805361):
Der gemischte Fonds der Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft (KAG) investiert zu je rund 50 Prozent in Aktien und Anleihen nach sozialen, ökologischen und ethischen Kriterien. Mit einem Volumen von 5,2 Milliarden Euro (alle Tranchen) ist er Österreichs größter Publikumsfonds. Auf zwölf Monate erzielte er eine Performance von rund 9 Prozent.
iShares Core MSCI World ETF (ISIN: IE00B4L5Y983):
Der ETF von BlackRock bildet den MSCI World nach und bietet Zugang zu 1.308 Unternehmen aus 23 Industrieländern. Das Fondsvolumen beträgt 123 Milliarden Euro, die Gesamtkostenquote liegt bei 0,20 Prozent pro Jahr, Dividenden werden thesauriert. Zu den größten Positionen zählen Nvidia, Apple und Microsoft. Auf zwölf Monate erzielte der ETF eine Performance von 24 Prozent.
SAP (ISIN: DE0007164600):
Nach einem Kursverlust von rund 31 Prozent im laufenden Jahr gilt SAP als Rebound-Kandidat des Halbjahres. Das Cloud- und KI-Geschäft wächst zweistellig, Analysten erwarten für 2026 ein Gewinnwachstum von 17,8 Prozent. Das durchschnittliche Konsensziel liegt rund 46 Prozent über dem aktuellen Kurs.
ATX überrascht
Besonders stark entwickelte sich der österreichische Aktienmarkt. Der ATX konnte mit den internationalen Leitindizes mithalten und Europa sogar übertreffen. Der österreichische Markt profitiert derzeit vor allem von seiner hohen Gewichtung von Banken und Energiewerten. Gleichzeitig zählt Wien zu den günstigsten entwickelten Börsen weltweit. „Diese Struktur führt dazu, dass die Entwicklung des ATX in besonderem Maße von wenigen Sektoren und Unternehmen bestimmt wird“, sagt Morales Albiñana-Rosner.
Viele Anleger hatten die Inflation bereits abgeschrieben. Doch steigende Energiepreise sorgten für eine Rückkehr der Teuerung und dämpften die Hoffnung auf rasche Zinssenkungen. Trotzdem reagierten die Börsen bislang erstaunlich gelassen. Für Kunrath bleibt die Inflation dennoch problematisch. „Die größten Risiken liegen derzeit in einer Kombination aus hohen Bewertungen, hartnäckiger Inflation und geopolitischer Unsicherheit.“
Gold enttäuscht
Ausgerechnet der klassische Krisengewinner blieb 2026 bislang erstaunlich blass. Wer angesichts von Krieg, Inflation und geopolitischen Spannungen auf steigende Goldpreise gesetzt hatte, musste sich mit einer Seitwärtsbewegung begnügen. Der Grund: Höhere Zinsen und ein stärkerer Dollar machten zinstragende Anlagen attraktiver. Das gelbe Edelmetall wirft keine laufenden Erträge ab und verlor dadurch an relativer Attraktivität. „Gold bleibt langfristig als strategischer Diversifikationsbaustein im Portfolio interessant“, sagt Karl-Heinz Strube, Leiter Asset Management der Hypo Vorarlberg.
„Die attraktivsten Chancen sehen wir derzeit in einer ausgewogenen Mischung.“
Hypo Vorarlberg
Was jetzt zählt
Für das zweite Halbjahr bleiben die Experten vorsichtig optimistisch. Die Unternehmensgewinne entwickeln sich robust, die Weltwirtschaft wächst weiter, und viele Anleger setzen auf eine Entspannung geopolitischer Konflikte. Gleichzeitig wird die Luft an den Märkten dünner. Hohe Bewertungen, geopolitische Risiken und die Rückkehr der Inflation erhöhen die Fallhöhe. Der erfolgreiche Börsengang von SpaceX gilt vielen Investoren als wichtiger Stimmungstest für die hohen Erwartungen rund um KI und Technologie. Auch die US-Kongresswahlen im Herbst dürften für zusätzliche Volatilität sorgen. Strube rät Anlegern, nicht auf einzelne Trends oder Anlageklassen zu setzen: „Entscheidend ist, nicht auf eine Anlageklasse allein zu setzen.“ Noch spricht vieles für eine Fortsetzung der Rallye. Ob die Märkte ihre Widerstandskraft behalten, wird das zweite Halbjahr zeigen.
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