Wiener Linien: Erste Millionen-Zahlungen nach Ticket-Streit
Am Ticketschalter der Wiener Linien stehen zwei Studenten: Die Wienerin Marlene kauft ihr Semesterticket um 75 Euro. Neben ihr steht ihr Studienkollege aus Oberösterreich, Peter, der für das gleiche Ticket den doppelten Preis bezahlt – nämlich 150 Euro. Der einzige Unterschied zwischen den beiden: der Hauptwohnsitz.
Der allerdings war für das Semesterticket der Wiener Linien über mehrere Jahre hinweg (bis zum Wintersemester 2022/23) preisentscheidend. Wer seinen Hauptwohnsitz nicht in Wien hatte, musste deutlich mehr bezahlen. Eine Praxis, die die Wiener Linien mittlerweile eingestellt haben – für die sie nun aber die Rechnung bekommen.
Zehn Verfahren laufen
Über genau dieses Thema wird schon seit Jahren vor Gericht gestritten. Die Prozessfinanzierungsplattform „Ticketerstattung.at“ (siehe Infobox) will Rückzahlungen im großen Stil erreichen. Insgesamt 17.140 Personen sollen sich laut Angaben der Plattform den Verfahren gegen die Wiener Linien angeschlossen haben. Bestritten werden knapp 50.000 Tickets, heißt es von der Plattform.
Gleich mehrere Musterverfahren (also Gerichtsverfahren, die die Rechtslage klären) und elf Sammelverfahren führt die Plattform gegen die Wiener Linien. Die ersten Ergebnisse liegen nun vor.
Bei den Musterverfahren wurde der Plattform, die die Studierenden vertritt, bereits mehrfach vom Landesgericht für Zivilrechtssachen die Preisdifferenz zugesprochen. Zudem konnte schon eines der Sammelverfahren beendet werden. Dabei ging es laut der Plattform um 2.000 Semestertickets. Das Ergebnis: Die Wiener Linien mussten 150.000 Euro plus Zinsen zahlen. „Diesbezüglich sind bereits Auszahlungen an Studierende erfolgt“, heißt es von „Ticketerstattung.at“. Die zehn restlichen Sammelverfahren laufen noch. Aber auch dort gibt es Neuigkeiten: Wie die Plattform die betroffenen Ex-Studenten informiert, sollen die Wiener Linien „zwischenzeitlich relevante Teile der erhobenen Forderungen beglichen haben“.
"Ticketerstattung.at“
Hinter der Prozessfinanzierungsplattform „Ticketerstattung.at“ steht das Unternehmen Scrimber IT-Service GmbH, eine Tochterfirma der Scrimber Holding FlexCo.
17.140 Personen
sollen sich laut Plattform den diversen Sammelklagen gegen die Wiener Linien angeschlossen haben.
Risiko
Personen, die an den Sammelklagen teilnehmen, tragen kein Kostenrisiko. Allerdings behält sich die Plattform im Erfolgsfall 27 Prozent der Zahlungen der Wiener Linien ein. 73 Prozent gehen an die Ex-Studierenden.
Auf Anfrage des KURIER heißt es dazu, dass die Wiener Linien mittlerweile die Preisdifferenz von 34.000 Tickets beglichen haben. Das klingt nach viel Geld – ist es auch: Insgesamt 2,5 Millionen Euro (exklusive der zuvor erwähnten 150.000 Euro) sollen die Wiener Linien bereits bezahlt haben, wie die Plattform berichtet.
Streit um 4.000 Tickets
Erledigt sein dürfte die Sache damit allerdings noch nicht. Und zwar aus gleich mehreren Gründen, wie die Plattform berichtet.
Erstens, weil die Wiener Linien noch nicht alle Zahlungen geleistet haben. Zweitens, so heißt es, würden die Wiener Linien die Zinsen bestreiten, die sich über die Jahre hinweg auf die zu viel bezahlten Beträge angehäuft haben. Drittens stünden die Prozesskosten noch nicht fest, da ein Großteil der Verfahren nach wie vor nicht abgeschlossen ist.
Viertens – und das ist laut Plattform auch der Grund dafür, dass die Verfahren noch andauern – würden die Wiener Linien rund 4.000 Tickets bestreiten. Konkret: dass diese Tickets zum erhöhten Preis erworben wurden. Die Plattform sieht darin allerdings nur den Versuch der Wiener Linien, „die Verfahren in die Länge zu ziehen“.
Bis auch über diese Tickets Klarheit herrscht, gehen die Verfahren also weiter. Insgesamt – und davon geht die Plattform aus – könnte es für die Wiener Linien am Ende um rund fünf Millionen Euro gehen.
Die Wiener Linien bestätigen, dass Zahlungen getätigt wurden, mehr wird aufgrund des noch laufenden Verfahrens aber nicht preisgegeben. Nur so viel: „Für die Rückzahlungen wurden von den Wiener Linien Rückstellungen gebildet.“ Mehrfach hätten die Wiener Linien laut Prozessfinanzierer im Vorfeld Vergleichsangebote unterbreitet. Geeinigt habe man sich aber nicht, heißt es.
Weiter warten
Die Plattform selbst hat übrigens noch kein Geld an die betroffenen Studierenden weiterüberweisen – außer im Fall der einzigen abgeschlossenen Sammelklage. Die 2,5 Millionen liegen derzeit also noch bei der Plattform. Diese will erst mit den Auszahlungen beginnen, wenn die Wiener Linien die Gesamtsumme überwiesen hat. Alles andere würde einen „erheblicher Abwicklungsaufwand“ bedeuten.
Die Studierenden werden übrigens nicht die gesamte Summe erhalten: Die Plattform behält 27 Prozent als Erfolgshonorar ein.
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