Quantenphysik und KI: Warum Wien mit Zukunftstechnologien liebäugelt

Physikerin Heike Riel zeigt auf einen Quantencomputer.
Rot-Pink will in den kommenden Jahren den Life-Science-Standort Wien weiter ausbauen und stärken. In der Schweiz wurde nach weiterer Inspiration gesorgt.

Einen Nobelpreis wird kaum jemand in der Hand halten, ohne dabei ehrfürchtig ein Foto von sich zu machen. Das gilt ebenso für den Nachbau eines realen Nobelpreises, der von IBM gewonnen wurde. Auch Wiens Wirtschaftsstadträtin Barbara Novak (SPÖ) und Neos Wirtschaftssprecher Markus Ornig halten darum gegenseitig den Moment fest, als der Preis bei einem Besuch beim Forschungslabor „IBM Research“ durchgegeben wird.

Richtig ehrfürchtig wird das Publikum aber dann bei den Ausführungen von Heike Riel, die im Bereich Quantum Computing forscht. Ein Thema, das nicht nur für Physikerinnen und Physiker relevant ist, wie sie anhand praktischer Beispiele erklärt: So benötige etwa Ammoniak-basierter Kunstdünger zwei bis drei Prozent des gesamten Energiebedarfs der Erde. Die Vorgänge dahinter seien bisher nicht zu entschlüsseln gewesen. Ein Quantencomputer könne die Mechanismen dahinter aber durchrechnen, so Riel. Und nur Verständnis kann zu neuen Lösungen führen.

Auch Finanz-, oder Wirtschaftsmodelle seien teilweise zu komplex für klassische Rechner, mit Quantencomputern aber kein Problem mehr.

Markus Ornig und Barbara Novak posieren mit dem Nobelpreis.

Markus Ornig und Barbara Novak posieren mit dem Nobelpreis. 

Wirtschaftsfaktor

In Zürich will sich die Delegation aus Wien Inspiration holen. Rot-Pink hat sich dem Ausbau von Wien als Innovationssstandort verschrieben, wie kürzlich nach der Regierungsklausur bekannt gegeben wurde. Schon jetzt sind beispielsweise rund 800 Unternehmen in Wien Bereich Life Science tätig, alle 20 weltweiten Top-Player der Pharmaindustrie haben hier einen Sitz – teilweise mit großen Produktionsstätten. Aktuell haben 50.000 Menschen in diesem Segment einen Arbeitsplatz. Der Jahresumsatz stieg zuletzt um 22 Prozent auf rund 22,7 Milliarden Euro.

Nicht zu vernachlässigen sind die Folgeeffekte. „Typischerweise setzen diese Firmen mindestens zwei Drittel ihrer Gelder außerhalb des eigenen Unternehmens ein“, sagt Michael Altorfer, CEO der Swiss Biotech Association, gemeint sind damit Outsourcing-Aufträge oder Forschungszusammenarbeiten mit Partnern. Die Association vertritt die Interessen der Biotech-Industrie in der Schweiz, bald seien das 1.700 Unternehmen, wie Altorfer sagt.

Dass die Schweiz ein gutes Pflaster für Zukunftstechnologien ist, zeigt sich auch beim Global Innovation Index. Seit Jahren verteidigt Österreichs Nachbarland den ersten Platz als innovativstes Land der Welt vor Schweden und den USA. Österreich liegt derzeit auf dem 19. Platz.

Weltweite Spitze

Trotzdem muss man sich auch hierzulande nicht verstecken. „Wien gehört in vielen Zukunfts- und Spitzentechnologien bereits zur europäischen, teilweise sogar zur weltweiten Spitze – insbesondere in der Quantentechnologie“, sagt Novak und will auch den Nobelpreis-Glanz nicht ganz den Schweizern überlassen: „Die Quantenforschung hat in Wien einen starken historischen Hintergrund, nicht zuletzt durch den Nobelpreisträger Anton Zeilinger.“ Dieser ist auch außerhalb der Staatsgrenzen eine Größe. „Natürlich kenne ich den Anton“, antwortet Riel auf Nachfrage wie aus der Pistole geschossen.

Wiens führende Position will Novak nun gezielt weiter ausbauen. „Wir analysieren und entwickeln strategisch unsere Innovationsökosysteme und lernen dabei bewusst auch von anderen starken Standorten wie Zürich.“ Das sieht man auch bei Koalitionspartner Neos so: „Es war toll, zu sehen, was im IBM Research Center an Innovation passiert und für mich steht fest, dass wir bei Zukunftstechnologien eher zu den Ersten und nicht zu den letzten in Europa gehören sollten“, lautet Ornigs Fazit.

Als Stadt Wien wolle man laut ihm nun weiter im Rahmen der budgetären Möglichkeiten und „Hand in Hand mit der Industriestrategie des Bundes zeitnah und gezielt investieren.“.

Investitionen

Eine große Investition wurde bereits bei der Regierungsklausur verkündet: 170 Millionen Euro fließen in das „Life Science Center Vienna“, das in Neu Marx errichtet werden soll. Im Center soll nicht nur mithilfe von KI unheilbaren Krankheiten der Kampf angesagt werden, auch Arbeitsplätze sollen geschaffen werden. Allein durch die Bautätigkeit sollen rund 1.000 Arbeitsplätze in der Baubranche gesichert werden. Gleichzeitig soll aber auch der Wettbewerb um Talente, Innovation und Investitionen angekurbelt werden.

Die ansässigen Talente seien ein wesentlicher Faktor, warum sich Giganten wie IBM oder Google in Zürich angesiedelt hätten, erklärt Patrick Sagmeister vom AußenwirtschaftsCenter Zürich. „Den Hauptgrund dafür sehe ich, wenn ich aus dem Fenster sehe.“ Von Sagmeisters Büro aus blickt man auf die renommierte Eidgenössische Technische Hochschule ETH.

Das ist auch ein Denkanstoß, den Ornig mitnimmt: „Es bringt nichts, laufend tolle Menschen in Wien auszubilden, wenn uns dann die besten Köpfe von anderen Märkten abgeworben werden. Hier braucht es bessere Kooperationen zwischen den Universitäten und der Industrie.“ Der Besuch in Zürich könnte auch ganz konkrete Folgen haben: „Wir haben mit einigen relevanten Schweizer Unternehmen vielversprechende Erstgespräche geführt, um Ansiedlungen in Wien anzubahnen“, sagt Dominic Weiss, Geschäftsführer der Wiener Wirtschaftsagentur, die auch für die Entwicklung des „Life Science Centers“ verantwortlich zeichnet.

Ob sich unter den angebahnten Ansiedlungen auch Interessenten für dieses Center verbergen, ist noch unklar. Aber vielleicht muss man für das nächste Selfie mit einem Nobelpreis nicht nach Zürich reisen – sondern nur nach Neu Marx.

Die Reise nach Zürich erfolgte auf Einladung der Stadt Wien.

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