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Chronik | Wien
09/06/2016

Prozess gegen Wiener Schutzgeld-Mafia startet

Bande um Szene-Größe "Edo" soll Lokalgäste verprügelt haben, um Schutzgeld von Besitzern zu erpressen. Auch Handy-Shops ausgenommen.

Die Staatsanwaltschaft Wien hat Anklage gegen eine Bande erhoben, die in der Bundeshauptstadt mit beträchtlicher krimineller Energie Schutzgelderpressungen betrieben haben soll. An der Spitze der mafiösen Vereinigung namens "Struja" (auf Deutsch: Strom) stand laut Staatsanwältin Verena Lechner Edin D. (38), den man in der sogenannten Balkan-Meile am Gürtel unter seinem Spitznamen "Edo" kennt.

Mord im Cafe "Cappuccino"

Bereits im Jahr 2006 hatte der gebürtige Bosnier die Kriminalisten beschäftigt, als im Cafe "Cappuccino" in Hernals ein Lokalbesucher bei einer Schießerei ums Leben kam und ein weiterer Mann schwer verletzt wurde. Der Mord konnte nie geklärt werden, die Hintergründe, bei denen "Edo" eine Rolle gespielt haben dürfte, blieben rätselhaft. Nun glaubt die Anklagebehörde allerdings beweisen zu können, dass es sich bei "Edo" um "den Kopf einer kriminellen Vereinigung handelt, die auf die Erpressung von Schutzgeld und die Begehung weiterer schwerwiegender Straftaten ausgerichtet war", wie der bereits rechtskräftigen Anklageschrift zu entnehmen ist.

Lokalgäste verprügelt, um Schutzgeld zu erpressen

Betroffen war demnach vor allem ein Lokal in Ottakring. Zunächst sollen "Edo" und seine Bande - neben ihm wurden drei Tschetschenen, zwei Bosnier und eine Serbin zur Anklage gebracht - gezielt Schlägereien angezettelt haben, so dass Lokalbesucher teilweise erheblich verletzt wurden. Damit brachte man die beiden Eigentümer dazu, den mitangeklagten Magomed B. als Türsteher zu beschäftigen, der als Entlohnung 1.600 Euro und zusätzlich immer wieder mehrere 1.000 Euro an "Sonderzahlungen" verlangt haben soll. Obwohl die Betreiber das Schutzgeld bezahlten, soll der 25-jährige Tschetschene weiterhin Lokalgäste verprügelt haben. Im November 2015 wurde schließlich einer der Eigentümer mittels Drohungen dazu genötigt, seinen Anteil an dem Lokal zu verkaufen, um 50.000 Euro aufbringen zu können. Aus dem im Gegenzug dafür in Aussicht gestellten Rückzug der Bande wurde aber nichts. Obwohl zum Jahreswechsel die 50.000 Euro den Besitzer wechselten, wurde nunmehr der neue Teilhaber des Lokals bedrängt, der Ende Februar 5.000 Euro flüssig machte, um seine Ruhe zu haben.

Drogengeschäfte

Als weitere Opfer von Schutzgeld-Erpressungen werden in der Anklage Handyshops im 3. und im 15. Bezirk erwähnt. "Edo", der sich selbst als Projektleiter einer Immobilienfirma bezeichnet, soll außerdem sieben geleaste Sattelschlepper Richtung Balkan verschoben haben. Drei von ihnen wurden in Montenegro von der Polizei beschlagnahmt, weil der Käufer in den Augen von "Edo" zu spät zum Übergabeort erschien. Als Kompensation musste dieser dem 38-Jährigen laut Anklage 50 Kilogramm Cannabiskraut in die Bundeshauptstadt liefern, das in einer Wohnung auf der Wieden gebunkert und laufend verkauft wurde. Bei einer Hausdurchsuchung konnten hinter einer Holzverkleidung noch 15 Kilogramm sichergestellt werden.

Verhandlung am 11. Oktober

Nachdem die Anklage bereits rechtskräftig ist, wird ab 11. Oktober im Straflandesgericht gegen die mutmaßliche Mafia-Bande verhandelt. Das bestätigte Herbert Eichenseder, der Verteidiger von "Edo", der APA. Der Prozess - die Mitangeklagten haben mit Nikolaus Rast, Alexander Philipp, Christian Werner und Philipp Wolm ebenfalls durchwegs prominente Verteidiger - wird zumindest bis Mitte November dauern. Bisher haben sämtliche Beschuldigte die Vorwürfe bestritten oder von ihrem Schweigerecht Gebrauch gemacht.

Ein weiteres angebliches Bandenmitglied, gegen den separat ermittelt wird, hat nach seiner Festnahme allerdings ein Geständnis abgelegt und gegen seine früheren Partner ausgesagt. Das brachte ihm Morddrohungen ein. Aus Sicherheitsgründen wurde er aus der Justizanstalt Josefstadt in ein anderes Gefängnis verlegt.