Streit um dubiose neue Mitglieder in der Wiener ÖVP

Fünf Personen, darunter Taborsky und Hungerländer,  in Businesskleidung gehen mit Aktenmappen durch einen historischen Arkadengang.
In der ÖVP Donaustadt tobt ein skurriler Nachfolgestreit um das Amt der Bezirksobfrau Gudrun Kugler – obwohl diese gar nicht weg will. Dem Wiener ÖAAB-Obmann Hannes Taborsky wird im Zuge dessen vorgeworfen, Mitgliederzahlen zu fälschen.

Der politische Unmut in der Donaustadt ist groß. Weniger in der SPÖ, deren Bezirkschef Ernst Nevrivy ab heute in der Causa Wienwert vor Gericht steht. Sondern in der ÖVP.

In der Bezirkspartei ist ein Machtkampf entbrannt, der Kreise bis in die Landespartei zieht – und den ÖVP-Arbeitnehmerbund ÖAAB vor eine Zerreißprobe stellt.

Es geht um den Posten der Bezirksparteiobfrau Gudrun Kugler, die für die ÖVP im Haupt-Job eigentlich im Nationalrat sitzt. Im Bezirk will ihr – so hört man – die Gemeinderätin Caroline Hungerländer als Obfrau nachfolgen. Und dafür sei ihr, so erzählen es ÖVP-Funktionäre, offenbar jedes Mittel recht.

Was auffällt: Seit einiger Zeit soll sich ausgerechnet der Donaustädter ÖAAB an einem überraschend regen Zuwachs an Mitgliedern erfreuen. Der Vorwurf: Die neuen Mitglieder sollen einzig dem Zweck dienen, dem Bezirks-ÖAAB zu mehr Delegiertenstimmen beim Bezirksparteitag zu verhelfen, die Hungerländer wiederum eine Mehrheit verschaffen. Sie ist nicht zufällig ÖAAB-Obfrau im Bezirk und stellvertretende Landesobfrau des ÖAAB.

Seitenhieb auf Hungerländer 

In der ÖVP kursieren anonyme Mails mit harten Vorwürfen: Die Bezirkspartei diene „nur mehr als Mandatsbeschaffungsverein für Personen außerhalb des Bezirks“, die „ihre Macht mit zweifelhaften Methoden absichern“, heißt es in dem Schreiben, das dem KURIER vorliegt.

Ein Seitenhieb auf Hungerländer, die nicht im 22. Bezirk lebt. Die Rechtskonservative arbeitet eng mit Kugler zusammen und engagiert sich seit Jahren im Bezirk. Ihre durchaus kantigen Positionierungen verschaffen ihr Fans und interne Gegner gleichermaßen. Bei der Wien-Wahl wurde sie von der ÖVP auch deshalb in der Donaustadt auf den ersten Listenplatz gesetzt, weil man sich hier ein sogenanntes Grundmandat erhoffte – und sie so quasi fix in den Gemeinderat einziehen konnte.

Wer ein Deja-Vu-Erlebnis hat, der irrt nicht. Es ist nicht das erste Mal, dass ominöse Neumitglieder in der ÖVP für Aufregung sorgen: In Floridsdorf setzte sich Leon Wassiq 2023 quasi selbst auf den Thron, weil er im Vorfeld des Parteitags für einen Zustrom an Neumitgliedern sorgte, die in seinem Sinne abstimmten. Er gewann gegen den vom Vorstand nominierten Kandidaten. Die Causa gilt in der ÖVP bis heute als Sündenfall.

ÖAAB von Nehammer übernommen

Hinter der vermeintlichen Bezirksposse steckt aber mehr: Die Vorfälle in der Donaustadt würden das „System Taborsky“ demaskieren, sagen interne Kritiker. Sprich: Der Wiener ÖAAB-Chef Hannes Taborsky sei Drahtzieher hinter all den Aktivitäten, ist von mehreren Seiten zu hören.

Er wolle seine Macht, die immer stärker bröckelt, absichern. 2027 wird im Wiener ÖAAB gewählt. Und tatsächlich herrscht hinter den Kulissen in der ÖAAB-Landesorganisation Unmut über Taborsky. Er übernahm 2022 vom damaligen Kanzler Karl Nehammer, nachdem dieser Bundesparteichef wurde. Seither sei „nichts passiert“. Taborsky habe keinerlei Inhalte, setze dafür aber ihm Unliebsame unter Druck – und sei nur an seiner eigenen Position interessiert.

Abgeordnetenportrait der 27. Gesetzgebungsperiode

Gudrun Kugler wehrt sich gegen die Vorwürfe. 

Und diese könne er eben nur behaupten, indem er sich in den Bezirken eine Machtbasis aufbaut – wie derzeit mit Hungerländer. Zugleich soll es sich bei dem Deal um eine Art Wiedergutmachung handeln: Hungerlänger wollte nach der Wien-Wahl ja eigentlich ÖVP-Klubobfrau im Gemeinderat werden; Taborsky stellte sich damals aber hinter JVP-Chef Harald Zierfuß.

Jonglieren mit Mitgliederzahlen

Taborsky soll direkt hinter den „Manipulationen“ stecken, die den Mitgliederzuwachs in der Donaustadt ermöglichten: Er und sein ÖAAB-Landesgeschäftsführer Stefan Lochmahr (der im 21. Bezirk als Bezirksrat tätig ist) würden „frei mit den Mitgliederzahlen jonglieren“, erzählt ein Insider. So seien neue und bestehende Mitglieder der Donaustadt zugerechnet worden, obwohl diese dort weder leben noch beruflich tätig seien.

Enttäuscht sind die Kritiker von der Landespartei, allem voran von Geschäftsführer Lorenz Mayer. Auch er war Adressat des Mails und sei über die Vorkommnisse im Bilde. Tätig sei Mayer – trotz mehrmaliger Bitte – angeblich nicht geworden.

Immer wieder sorge Taborsky in Bezirken für Unruhe, ist zu hören. Er war auch im 14. Bezirk – seinem Heimatbezirk – in die Querelen um Wolfgang Gerstl verwickelt. Der Nationalratsabgeordnete zog sich Ende 2025 als Bezirksparteichefs zurück. Obwohl auch er Stellvertreter im ÖAAB ist, haben die beiden miteinander gebrochen.

In der Donaustadt wird als Gegenkandidatin zu Hungerländer die dortige Klubobfrau Michaela Löff genannt. Sie sei „eine aus den eigenen Reihen“. Auch Martin Flicker – derzeit stellvertretender Bezirksparteichef, Gemeinderat und Bauernbund-Funktionär – soll infrage kommen.

Kugler ortet Schmutzkübelkampagne

Wie so viele Geschichten hat aber auch diese zwei Seiten: So mancher sieht in den Vorwürfen eine „Schmutzkübelkampagne“ gegen Kugler, deren gute Arbeit im 22. Bezirk man madig machen wolle.

Sei es aus eigenen Machtgelüsten – oder weil Kugler mit prononcierten Positionen aneckt.

Vor allem ein Krone-Bericht über die Vorkommnisse sorgte Ende der Woche für Ärger. Nun reagiert Kugler – und sagt die Nachfolgedebatte einfach ab: Ihre Periode als Bezirksobfrau wurde in den Gremien unlängst einstimmig um ein Jahr – bis April 2027 – verlängert, dann erst steht der nächste Parteitag an. Kugler werde, wie der KURIER nun erfuhr, auch nach dem Parteitag 2027 als Bezirksobfrau zur Verfügung stehen: „Ich werde meine Arbeit weitermachen“, sagt Kugler. „Wenn die Wahlberechtigten das wünschen.“

In einem internen Mail an Funktionäre aus der Donaustadt, das dem KURIER vorliegt, verteidigt Kugler den Zuwachs an ÖAAB-Mitgliedern: Alle Neumitgliedschaften seien von der ÖVP-Landespartei einzeln überprüft worden.

Demonstrativ belustigt 

Taborsky selbst zeigt sich auf Nachfrage demonstrativ belustigt und unbeeindruckt: Der ÖAAB „ist eine Mitgliederorganisation“. Er sei also „froh, wenn in den Bezirken tatsächlich Mitglieder geworben werden“. Bei den Mitgliederlisten aus der Donaustadt sei seines Wissens nach „alles in Ordnung“. Taborsky selbst habe nach eigenen Angaben im

22. Bezirk weder je Mitglieder geworben, noch habe er die ihm vorgeworfenen Manipulationen durchgeführt.

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