Die Denkmal-Retter: Wo Kunstwerke das ewige Leben erhalten

Im Wiener Arsenal wird angegriffenes Kulturgut gerettet – von Terrakotta-Figuren bis zu Sensationsfunden aus dem Barock.
Mehrere Terrakotta-Figuren, die unterschiedliche, biblische Personen von der Hüfte aufwärts darstellen.

Pontius Pilatus hat ein paar Finger eingebüßt. Der Hohepriester weist ein großes Loch im Rücken auf. Und der an den Händen geknebelte Jesus hat auch schon bessere Tage gesehen. Keine Sorge, es geht nicht um lebendiges Fleisch und Blut, sondern "nur" um neun Terrakotta-Figuren, die den Strafprozess gegen Christus in Jerusalem darstellen.

Die mehr als 300 Jahre alten und fast lebensgroßen Statuen kamen zwar nicht aus dem gelobten Land nach Wien, aber immerhin aus Bad Ischl, wo sie außen an der Kalvarienbergkirche den Besuchern erschienen waren. Und wo der Zahn der Zeit sich unerbittlich in den rötlichen Ton gefressen hatte. Genau deshalb stehen diese Kulissenfiguren – allesamt am Rumpf halbiert – nun in den Restaurierungswerkstätten des Bundesdenkmalamts (BDA) im Wiener Arsenal, wo sie ein umfassendes Facelifting erhalten und damit letztlich auf nichts weniger als auf das ewige Leben hoffen.

Heutzutage aus Kunststoff

Dass diese Figuren überhaupt noch so gut beisammen sind, zeugt schon von hoher Qualität, denn sie waren immer frei bewittert und eigentlich "nicht frostbeständig", wie Restauratorin Katharina Breunhölder erklärt. "Heutzutage würde man so etwas wahrscheinlich aus Kunststoff fertigen." Dann freilich bräuchte es nur einen 3D-Drucker und keine denkmalpflegerische Handwerkskunst, die die jahrhundertealte Spur des Kunstwerks aufnimmt und bis in die ferne Zukunft weiterverlegt. Vom fehlenden Charme des Plastiks gar nicht zu reden.

Die Statue eines steinernen Engels, der in einer Hand einen Kranz hält und die andere in Richtung Himmel streckt.

Schon "abflugbereit" ist der Engel der Karlskirche.   

Noch aber haben die akribischen Restaurationsarbeiten lange nicht begonnen, denn zunächst gilt es, die Figuren zu befunden und ein Sanierungskonzept zu erstellen. Inklusive Kostenschätzung, damit der Eigentümer – in dem Fall die Pfarre Bad Ischl – weiß, was auf ihn zukommt. "Für uns ist natürlich wichtig, dass alle Figuren künftig wieder die Kirche zieren. Denn schon im Barock war dieses Kalvarienbergtheater eine ganz bedeutende Einrichtung für die Menschen", erörtert BDA-Fachdirektorin Petra Weiss.

Broschüre für künftige Denkmal-Eigentümer

Dass dem KURIER die heiligen Hallen der heimischen Denkmalpflege geöffnet wurden, hat freilich einen ganz bestimmten Grund: Denn frisch aus der Druckerei ist eine neue Broschüre gekommen, die es künftig Denkmal-Eigentümern, Restauratoren und Behörden erleichtern soll, das für Österreich so bedeutsame Kulturerbe zu erhalten.

Unter dem Titel "Kunstdenkmalpflege. Standards und Prozesse" wurde ein Leitfaden erstellt, damit von der Erstbefundung bis hin zu Gebrauch und Pflege der restaurierten Objekte die richtigen Schritte gesetzt werden. "Mit dieser Orientierungshilfe wollen wir auch auf die Eigentümer zugehen. Denn es gibt ja oft das Vorurteil: 'Oje, mit dem Denkmalschutz ist es schwierig!'", sagt Weiss.

Zwei Frauen stehen nebeneinander, eine hält die Broschüre.

Roßmann (l.) und Weiss wachen über das Kulturerbe.   

Während die Terrakotta-Figuren noch ganz am Anfang stehen, ist der daneben im Steinsaal situierte Engel bereits "abflugbereit": Der "Engel von Tambour" wird nach längerem Werkstattaufenthalt bald wieder retour in die Karlskirche wandern, wobei man der Natursteinfigur aus dem 18. Jahrhundert durchaus ansehen soll, dass da wie dort "etwas gemacht" wurde. Denn ein makelloser Glanz ist denkmalpflegerisch gar nicht erwünscht – nicht einmal bei einem Engel. Und dass engelsgleiche Politikerinnengesichter ins Kunstwerk gemeißelt werden, kommt hier ganz bestimmt auch nicht vor.

Verstaubtes Fastentuch

Wer jetzt glaubt, seinen Dachbodenfund in Bares-für-Rares-Manier auch ins Arsenal zur Restaurierung bringen zu können, der irrt: Denn hierher gelangen nur Objekte, die interessante Forschungsfragen aufwerfen und daher einen Erkenntnisgewinn für das Denkmalamt bringen. Wobei, Zufallsfunde aus einem verstaubten Kasten, die von unschätzbarem Wert sind, die gibt es tatsächlich. 

So wurde im Frühjahr 2020 im Linzer Karmelitenkloster ein großer "Stofffetzen" entdeckt, der sich als Fastentuch von Bartolomeo Altomonte (1694–1783), einem der bedeutendsten Barockmaler aus Oberösterreich, entpuppte.

Eine Aufnahme von einer Frau die einen Pinsel hält und damit ein Bild restauriert.

Altomonte-Fastentuch: Bald zu sehen in Linzer Karmelitenkirche.

Nach jahrelanger Sisyphusarbeit hier im Gemäldesaal, bei der grobe Schäden saniert und Übermalungen rückgängig gemacht wurden, ist das Werk bereit für den Abtransport an den Herkunftsort. Und rechtzeitig zur Fastenzeit am Aschermittwoch wird das Tuch – es zeigt Jesus im Garten Gethsemane – in der Karmelitenkirche den Altar verhüllen. 

"Es soll eben kein Gemälde sein, das immer irgendwo hängt, sondern es soll wie Jahrhunderte davor als Fastentuch genutzt werden", erklärt Jessica Roßmann, BDA-Referentin für Gemälde und Textil. Denn das Kulturerbe ist nur lebendig, wenn man versteht, wie ein Denkmal gebraucht wurde, und diese Tradition dann auch fortführt.

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