Chronik | Wien
29.05.2017

Wenn aus Spielsucht Wettsucht wird

Nach dem Verbot des kleinen Glücksspiels in Wien haben sich Spieler und Firmen dem Wetten zugewandt.

Die Lichter und die schrillen Töne sind gleich geblieben, sonst hat sich in der ehemaligen Spielhalle im Wiener Prater einiges verändert. Aufgrund der Verschärfung des Glückspielgesetzes musste das Admiral Casino in der Perspektivstraße schließen. Ein richtiges Casino war die Einrichtung eigentlich nie, vielmehr war es eine Spielhalle mit Automaten, anonym und unkompliziert, und deshalb auch gefährlich für Spielsüchtige.

Am 1. Mai folgte dann die Neueröffnung. Als " Europas größte Sportsbar" wird das Haus beworben. Der KURIER war drei Jahren nach einer Reportage im Automatencasino wieder dort, um sich die Neuerungen anzuschauen – und Altbekanntes wiederzufinden.

Das Interieur blieb beispielsweise weitgehend unverändert. Es soll an das antike Ägypten erinnern und umschmeichelt weiterhin die Automaten – denn die gibt es nach wie vor. Anders als früher wird dort aber kein Roulette oder Poker gespielt, sondern auf Sport gewettet – und zwar auf alles, das man sich erträumen kann.

Live-Wette, Live-Gewinn

Gerade läuft ein Freundschaftsspiel der armenischen U19 Fußballnationalmanschaft gegen das Team aus Zypern. Zunächst muss man seinen Fingerabdruck bei einem Mitarbeiter registrieren lassen, dann geht es los. Man kann auf den Halbzeit- oder Endstand setzen, sieht auch noch während des Spiels die Quote.

Ist das Geld erst einmal im Automaten, erinnert das Gefühl beim Tippen an jenes beim Spiel am einarmigen Banditen. Schnell gibt es Ergebnisse, sofort weiß man, wie viel Geld man gewonnen oder verloren hat. Genau dieser Kick ist es, der Kritiker verzweifeln lässt. Denn seit dem Verbot des kleinen Glückspiels in Wien mit Jänner 2015 ist die Zahl an Spielsüchtigen nahezu unverändert geblieben. Nach einem kurzzeitigen Rückgang suchen nun wieder mehr Menschen Beratung bei der Spielsuchthilfe. Und zwar wegen des Wettens. "Das Problem hat sich nur verlagert. Einerseits ins Internet und andererseits in Wettlokale. Gerade bei Live-Wetten hat sich das Setting nicht sehr verändert", sagt Peter Berger, Psychiater und Präsident der Spielsuchthilfe.

Kleine Spiellokale blieben laut dem Experten nicht lange leer, sondern wurden kurzerhand zu Wettbüros. Von jenen, die sich im Jahr 2013 an die Spielsuchthilfe wendeten, gaben damals 24,2 Prozent an, über das Wetten in die Sucht geraten zu sein. 2016 stieg diese Zahl auf 45,5 Prozent an. "Um das Problem einzudämmen, braucht es niederschwellige Hilfe für die Betroffenen. Mitarbeiter in Wettlokalen müssen gut geschult werden und es braucht mehr Hilfseinrichtungen in der Stadt", sagt Berger.

Hohe Schulden

Als der KURIER im Wettcasino ist, werden aus 50 Euro Einsatz schnell 183 Euro – das Interesse ist geweckt. So ein Anfängerglück haben übrigens rund 70 Prozent der Spieler. Meistens sind das junge Männer, das Einstiegsalter liegt bei durchschnittlich 21 Jahren. 83 Prozent aller Betroffenen, die bei der Spielsuchthilfe Unterstützung suchen, sind hoch verschuldet, bei 57 Prozent ist die Partnerschaft in die Brüche gegangen. 24 Prozent haben dadurch auch ihren Job verloren.

Während in Wien nur mehr auf Halbzeit- und Endspielstände gewettet werden darf (siehe Info links) sind bei Anbietern im Internet immer noch klassische Live-Wetten möglich – eine besonders reizvolle Situation für Spielsüchtige, der Zeitraum zwischen Tipp und Gewinn ist nämlich noch kürzer. Laut der Psychiater Berger sind 15 Prozent jeder, die regelmäßig wetten, suchtgefährdet und zeigen bereits ein "problematisches Verhalten". Der Satz, der schon die KURIER-Reportage im ehemaligen Admiral Casino abgeschlossen hat, passt also noch immer: Die eingefleischten Zocker werden wohl weiterhin in die Perspektivstraße kommen. So manche Perspektive endet hier in einer Sackgasse.