© Tobias Pehböck

Chronik Wien
03/10/2020

Wenig los auf der Mariahilfer Straße in Zeiten des Coronavirus

"Die Menschheit hat schon vieles überstanden, auch das Coronavirus wird sich verziehen."

von Barbara Mader

Herr Michael meint es ernst. "Bitte, kommen Sie nicht näher", sagt er freundlich, aber bestimmt. Selbstverständlich ist er besorgt angesichts der Corona-Lage. "Niemand weiß, was auf uns zu kommt." Hamsterkäufe müssen trotzdem nicht sein. Der weißhaarige Mann schwenkt sein Einkaufssackerl. "Schauen Sie", sagt er, "natürlich geh ich einkaufen. Aber ich wüsste nicht, was ich hamstern sollte."

Es ist Dienstag, früher Nachmittag und die Mariahilfer Straße ist spärlich besucht. Vor knapp einer Stunde hat die Regierung ihre Corona-Schutzmaßnahmen bekannt gegeben. Kein Händeschütteln, keine Großveranstaltungen.

Auf den Sitzgelegenheiten entlang der Straße scheint noch nicht jeder Notiz von der Nachrichtenlage genommen zu haben. Hier ein paar junge Männer mit Baseballkappen und dicken Fellkapuzenjacken, die auf ihre Handys starren, möglicherweise so,wie sonst auch.

Dort die Teenager-Mädchen, die kichernd zusammenkauern und ebenfalls mit ihren Handys beschäftigt sind. Dazwischen der ältere Herr mit der abgetragenen Lederjacke, der sich mit seiner Bierdose unterhält.

Ein grau-milder Frühlingstag wie oft Mitte März. Das China-Buffet ist der Seitengasse hat nur einen Gast. Trotz vielversprechender Fotos von Frühlingsrollen, mit denen schon auf der Mariahilfer Straße geworben wird. Das habe nicht mit Corona-Angst zu tun, kommt die resolute Frau, die uns schon bei der Eingangstür abwimmelt, möglichen Fragen zuvor. Das Geschäft sei eben "mal so, mal so."

Ein paar Gassen weiter, im Raimundhof. Die Touristen bleiben schon seit Tagen aus, erzählt Frau Adelheid aus der hier versteckten kleinen Konditorei, die so heißt, wie ihre Besitzerin. "Wir spüren mit jeder Woche, dass das Geschäft zurückgeht."

Die Maßnahmen der Regierung seien okay: "Lieber zu viel als zu wenig vorsorgen."

Im Supermarkt auf der Mariahilfer Straße sind die Nudel- und Konservenregale noch gut gefüllt. Aus den Lautsprechern tönt der Song "Down under", eine Mitarbeiterin summt leise mit, während sie Konserven verstaut. Ihr Kollege erklärt derweil mit überzeugtem Ton: "Ich glaub’ den Medien und der Regierung gar nix. Wenn’s ansteckend is’, dann haben’s eh bald alle."

"Natürlich treffe ich meine Freunde"

Studentin Luise, die sich hier gerade um eine Jause anstellt, hält die Maßnahmen der Regierung für übertrieben. "Dass die Uni jetzt geschlossen wird, ist schon sehr unangenehm." Prüfungen müssen nun verschoben werden, das bringt viel durcheinander. An ihrem Sozialverhalten wird Luise "sicher nichts" ändern: "Natürlich treffe ich meine Freunde."

Auch die beiden Kärntnerinnen, die gerade die Straße entlangschlendern, Mutter und Tochter auf Besuch in Wien, haben nicht vor, sich einschränken zulassen. Aber natürlich, eine Großstadt ist etwas anderes als ein kleines Kärntner Dorf. Hier achten die beiden noch mehr aufs Händewaschen. "Doch man darf sich nicht in Panik versetzen lassen. Die Menschheit hat vieles überstanden, auch das Coronavirus wird sich verziehen," erklärt Michaela, die Ältere, zuversichtlich.

An diesem Abend will sie mit ihrer Tochter noch ein Konzert besuchen. Und daheim? Hat sie schon Hamsterkäufe gemacht? Nicht notwendig. "Wir haben daheim einen gut gefüllten Kartoffelkeller."

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