Bio-Weinskandal in Wien? Chemie-Einsatz am städtischen Weingut Cobenzl
Das Jahr 2024 begann äußerst erfolgreich für das städtische Weingut Cobenzl und den zuständigen SPÖ-Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky: „Cobenzl-Weine überzeugen schon seit langem mit hoher Qualität – nun dürfen sie ab dem Weinjahrgang 2023 auch das Bio-Gütesiegel tragen“, verkündete Czernohorszky Anfang Jänner. Doch 2024 sollte für das Prestige-Weingut noch zum Desaster werden. Und begonnen hat es damit, dass dieser Jahrgang nicht ausschließlich „bio“ hergestellt wurde. Wie KURIER-Recherchen ergeben, wurde rund die Hälfte des 60 Hektar großen Anbaugebiets konventionell – also mit chemischen Hilfsmitteln – bewirtschaftet. Der Schaden für das Cobenzl ist enorm – sowohl Image-mäßig als auch monetär.
Eine entsprechende KURIER-Anfrage nach Informationsfreiheitsgesetz muss die zuständige MA 49 (Forst- und Landwirtschaftsbetrieb) bejahen: „Im Jahr 2024 wurden aus betriebsstrategischen Gründen rund 30 Hektar am Bisamberg auf konventionelle Art und Weise bewirtschaftet.“ Nachsatz: „Die Rebflächen befinden sich bereits wieder in der Umstellungsphase auf bio.“
Bio muss zurück an Start
Was nichts anderes bedeutet, als dass es vom Bisamberg – wegen der gesetzlichen, dreijährigen Umstellungsphase – erst wieder 2028 Bio-Weine mit dem Stadtwappen geben darf. Man muss also wieder völlig von vorne anfangen, denn die Bio-Umstellung war bereits im Sommer 2020 von der Stadtpolitik verkündet worden – und dauerte eben drei Jahre. Und damit war man für eine (laut Eigendefinition) „Klimamusterstadt“ eigentlich sehr spät dran, weil Wiener Pioniere wie Fritz Wieninger bereits vor fast 20 Jahren komplett auf rein ökologischen Weinbau umgestellt hatten.
Die Affäre ist aus gleich mehreren Gründen hochbrisant: Das 2024 stolz präsentierte Bio-Zertifikat für den ganzen Cobenzl-Betrieb ist nun das Papier nicht mehr wert, auf dem es steht; der Rückschritt auf halb-bio wurde vom Rathaus nie kommuniziert und sollte offenbar geheim bleiben; stattdessen wird auf der Cobenzl-Homepage nach wie vor mit dem grünen EU-Bio-Logo geworben und behauptet, dass „die Weingärten nach den strengen Richtlinien des biologischen Weinbaus bewirtschaftet“ werden. Außerdem wurde der zuständige Stadtrat Czernohorszky damit von seiner Abteilung eigentlich brüskiert.
Interspar mit Bio-Bisamberg
Die entscheidende Frage ist aber, ob auch Konsumenten beim Kauf getäuscht wurden: Auf Nachfrage erklärt MA-49-Vize-Chef Günther Annerl, dass Weine „ordnungsgemäß etikettiert und nicht als Bio-Wein in den Handel gebracht“ wurden.
Allerdings findet man in der „Interspar“-Weinwelt, dem größten Abnehmer der Cobenzl-Weine, einen Grünen Veltliner vom Bisamberg – „BIO 2024“. Um 4,99 statt 9,99 Euro übrigens. Einen Wein, den es so etikettiert dann gar nicht geben dürfte, wie auch das online abrufbare Bio-Austria-Zertifikat belegt: Veltliner-Trauben vom Bisamberg gelten nicht als bio, sondern bloß als „konventionelles Produkt aus Parallelerzeugung“.
Der rein monetäre Schaden für das vom Steuerzahler finanzierte Weingut lässt sich nur überschlagsmäßig bemessen: Da Bio-Wein laut Branche um rund 1,5 Euro pro Liter teurer im Handel verkauft werden kann, geht es bei einer Gesamtproduktionsmenge von 320.000 Litern um ein mögliches Minus von rund 1 Millionen Euro (in vier Jahren) – da der Betrieb ja nach Bio-Richtlinien produziert, aber noch keinen Bio-Preis erzielen kann.
Doch warum wurde – entgegen des klaren politischen Auftrags – wieder konventionell gewirtschaftet? Laut Annerl habe man Mitte 2024 diese Entscheidung getroffen, weil ein „zu diesem Zeitpunkt bereits ehemaliger Mitarbeiter“ zuvor „synthetischen Dünger“ auf den Bisamberg-Rebflächen ausgebracht haben soll. „Die Meldung der Umstellung auf konventionelle Bewirtschaftung erfolgte unverzüglich nach Bekanntwerden der möglichen Düngung an die Wiener Landwirtschaftskammer“, so Annerl.
Die Affäre hat daher auch eine delikate, personelle Dimension: Denn die Trennung von Betriebsleiter Thomas Podsednik, der das Weingut zuvor 35 Jahre lang geführt und in lichte Höhen getrieben hatte, soll genau deshalb erfolgt sein. Das wird von hochrangiger Stelle auch bestätigt. Und zwar hätte Podsednik den Bio-Betrieb aufgrund zu weniger Arbeitskräfte nicht umsetzen können, heißt es. Vollzogen wurde die Ablöse dann vom damaligen MA-49-Leiter Andreas Januskovecz, der ob dieser unpopulären Entscheidung jedoch selber den Rückzug antreten musste – nach 24 Jahren an der Spitze – und seit Sommer „nur“ noch „Klimadirektor“ ist. Januskovecz möchte sich heute nicht mehr äußern, zuletzt meinte er dazu: „Man kann nicht Everybody’s Darling sein.“
4. Jänner 2024: Stadtrat Czernohorszky (M.), Weingut-Chef Podsednik (l.) und 49er-Leiter Januskovecz feiern das Bio-Zertifikat.
Entsetzen in Wein-Szene
Podsednik, heute Chef des privaten Weinguts „Mayer am Pfarrplatz“, sieht die Rückkehr auf nicht-bio allerdings nicht auf seinem Mist gewachsen: „Ich war bis April 2024 Cobenzl-Betriebsleiter – und bis dahin war alles noch bio.“
Beobachter aus der Winzer-Szene sind jedenfalls entsetzt, wie es bei dem städtischen Leitbetrieb so zugehen kann: Hinter vorgehaltener Hand fallen Begriffe wie „Wahnsinn“ und „unglaublich“. Und: „Bio ist eben kein Kindergeburtstag. Das Ganze ist mehr als frech!“
Kommentare