Museum in der Votivkirche: Hier wartet ein rarer Kunstschatz
Die heilige Veronika ist verschollen, das Schweißtuch mit ihr. Ihre Figur wurde aus der Szenerie rund um die Passion Christi einfach herausgesägt. „In den 1950er- und 1970er-Jahren war der Altar leider das Ziel von Kunstdieben“, erzählt die Historikerin Petra Leban und deutet auf eine der Leerstellen des Antwerpener Passionsaltares. Der steht heute im ersten Stock, im Museum der Wiener Votivkirche. In seiner über 500-jährigen Existenz hat er aber schon viele Stationen durchlaufen.
Begonnen hat alles um 1500 in einer Antwerpener Werkstatt. Damals florierte der Export der sogenannten „Antwerpener Altäre“ – mehr als 200 Exemplare sind bis heute in ganz Europa erhalten. Der Wiener Altar wurde ursprünglich für ein Stift bei Trier gefertigt. Von dort gelangte er im 19. Jahrhundert über Umwege in den Besitz des Bildhauers Josef Gasser, der an der Ausstattung der Votivkirche mitgewirkt hatte.
„Kaiser Franz Joseph hat den Schnitzaltar in dessen Werkstatt gesehen, für seine Privatsammlung gekauft und später der Votivkirche gestiftet. Er war der Meinung, dass ein spätgotischer Altar gut in eine neugotische Kirche passt“, erzählt Leban, die seit 15 Jahren einmal im Monat Führungen durch die Votivkirche anbietet.
Ziel von Kunstdieben
Bis in die 1980er-Jahre stand der Altar in einer Kapelle der Kirche – wobei ihm eben Kunstdiebe Stück für Stück zusetzten. Vier Figuren verschwanden in den 1950er-Jahren, konnten dank Interpol aber wieder aufgespürt werden. Drei davon wurden in den 1970er-Jahren erneut gestohlen – und sind seither nicht wieder aufgetaucht. Zu seinem Schutz kam der Altar ins Dommuseum. Und vor rund 25 Jahren übersiedelte er schließlich in das eigens geschaffene Museum im Kirchengebäude.
Die Figuren des Altars sind in der Originalbemalung erhalten.
Lebensnahe Figuren
Ein Besuch lohnt sich, aus mehreren Gründen. „In Wien sind Kunstwerke aus dieser Zeit sehr rar. Speziell auch durch die Habsburger war in Wien das Barock sehr stark. Da wurden viele der alten Kunstwerke ausgeschieden, verändert oder übermalt“, sagt Leban. Tatsächlich ist der Altar – bis auf die ihm zugefügten Lücken – in bemerkenswert gut erhaltenem Originalzustand. „Wir sehen hier die aus Eichenholz geschnitzten Figuren noch in der Originalbemalung“, sagt Leban begeistert. Und sie wirken erstaunlich lebendig. „Der eine scheanglt, der andere hat ein schmerzerfülltes Gesicht, sie sind in Bewegung.“
In ebendieser Bemalung machte eine junge Restauratorin vor wenigen Jahren eine bemerkenswerte Entdeckung: Auf dem Oberschenkel eines der dargestellten Soldaten prangen in Weiß die verschnörkelten Buchstaben A und L. Ein Buchstaben-Zahlen-Code, den sie anhand der Werkliste der Antwerpener Werkstatt entschlüsseln konnte. Die Buchstaben stehen für Beginn und Fertigstellung der Arbeiten: 1494 bis 1506. Somit war es erstmals gelungen, den Altar zweifelsfrei zu datieren.
Führungen
Votivkirchen-Tour samt Kirchenmuseum 2026: jeweils am letzten Samstag im Monat (außer Dezember), 14 Uhr. Nächster Termin: 28. Februar.
Anmeldung: petraleban@gmx.at;
English Guided Tours: franzmorawitz@hotmail.com
Museum
Di. bis Fr. 13–15 Uhr, Sa. 14–17 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung.
Eintritt: 8 Euro.
Votivkirche
Neogotische Kirche, 1856 bis 1879 von Architekt Heinrich Ferstel errichtet. Mit 99 Metern Höhe nach dem Stephansdom die zweithöchste Kirche Wiens.
Zu jung?
„Ich glaube, dass viele Wienerinnen und Wiener nicht wissen, dass hier so ein tolles Kunstwerk der Frührenaissance steht“, sagt Leban. Damit könnte sie recht haben. Tatsächlich ist die Votivkirche bei vielen Wienerinnen und Wienern weit weniger präsent als die prominenteren Innenstadtkirchen. „Bei Touristen ist sie fast bekannter als bei den Wienern – die gehen meistens nur vorbei“, sagt Leban.
Warum das wohl so ist? „Vielleicht ist die Lage ein bisschen zu entlegen, vielleicht ist sie als Ringstraßenbauwerk auch nicht ,alt genug‘ für die Wiener“, mutmaßt die Kulturvermittlerin. Auch die 25-jährige Renovierungszeit dürfte das ihre zur verminderten Wahrnehmung der Kirche beigetragen haben, die 1879 zum Dank für das verhinderte Attentat auf den jungen Kaiser Franz Joseph errichtet wurde. Lebans Appell an die Wienerinnen und Wiener lautet daher: „Kommen Sie vorbei, besuchen Sie ein Orgelkonzert, lassen Sie das Bauwerk auf sich wirken – und schauen Sie auch ins Museum!“
Beim Antwerpener Altar erschließt sich nicht nur ein Stück Kunstgeschichte – hier oben auf der Empore wartet auch der schönste Blick durch das Kirchenschiff.
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