Meilenstein bei Sanierung des Jüdischer Friedhof Währing erreicht

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Seit 2020 finden auf dem historischen Areal Sanierungsarbeiten statt. Ende 2025 wurde in dem langfristigen Projekt ein großer Meilenstein erreicht. Ein Lokalaugenschein.

Das Haus in der Steingasse 18, das einst der Versorgung bedürftiger Witwen gewidmet war, steht noch heute. Der Grabstein seiner Stifterin Fanny Jeiteles, die 1854 verstorben war, lag hingegen über mehrere Jahrzehnte umgestürzt, vergessen und von Pflanzen überwuchert auf dem über zwei Hektar großen Gelände des Jüdischen Friedhofs Währing. Das ist heute anders: Der Friedhof, dessen hohe Bäume man im Vorbeifahren an der Station Nußdorfer Straße von der U6 aus sehen kann, ist seit einigen Jahren großflächig vom Gestrüpp befreit. Die rund 8.000 noch vorhandenen Grabsteine werden seit 2020 schrittweise saniert.

Zeitplan bis 2045

Ein großer Meilenstein in diesem Projekt wurde Ende 2025 erreicht: Der gesamte Bereich links der „Hauptallee“ wurde fertiggestellt – 6.400 Quadratmeter, auf denen etwa 2.500 Grabsteine stehen. Darunter jener der Fanny Jeiteles. Die einst in zwei Teile gebrochene Sandsteinplatte steht nun wieder aufrecht, auf zwei Metallstelen montiert, der Name ist gut lesbar.

Besonders deutlich wird der Unterschied zum unsanierten Teil des Friedhofs, wenn man auf der Hauptallee steht. Wie bei einem Vorher-Nachher-Bild sieht man auf der einen Seite die wieder zusammengesetzten, gereinigten und aufgerichteten Grabsteine. Auf der anderen Seite bedecken zahlreiche umgestürzte Grabsteine den Boden; viele wirken, als wären sie nur einen starken Windstoß davon entfernt.

„Dieser Teil kommt als Nächstes dran“, sagt Jennifer Kickert beim Gang über die schneebedeckte Hauptallee und zeigt auf einen Bereich entlang der nördlichen Friedhofsmauer. Sie ist Landtagsabgeordnete der Wiener Grünen und Sprecherin des 2017 gegründeten Vereins „Rettet den Jüdischen Friedhof Währing“.

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Es ist noch viel zu tun am noch nicht sanierten Teil des Friedhofs.

„30.000 Menschen sind hier begraben, circa 8.000 Grabsteine gibt es“, sagt sie. Mit anderen Worten: Vom langfristigen Ziel, dass das Areal einmal frei zugänglich sein wird, wie etwa der jüdische Friedhof am Zentralfriedhof, ist man noch einige Jahre entfernt. „200 bis 250 Grabsteine pro Jahr sind möglich. Wenn die Witterungsverhältnisse gut sind, kann man im April anfangen und bis in den Oktober hinein arbeiten. Es gibt eine grobe Planung, die geht bis 2045“, sagt Kickert.

Über die Sanierung hinaus soll es hier einmal ein Leitsystem sowie Informationen zu den jeweiligen Grabsteinen geben. Doch das ist zum jetzigen Zeitpunkt noch Zukunftsmusik.

Blinder Fleck

Seine Gründung im Jahr 1784 verdankt der Friedhof – wie viele andere – der Sanitätsordnung Josephs II. Die sah vor, dass alle Wiener Friedhöfe innerhalb des Linienwalls aus hygienischen Gründen geschlossen werden sollten. Er war bis 1879 geöffnet, anschließend fanden Bestattungen auf der israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs statt. Neben St. Marx ist der Jüdische Friedhof Währing heute der einzige Biedermeierfriedhof der Stadt. Und dennoch ist er für viele – trotz der zentralen Lage – noch ein blinder Fleck. „Ein Großteil der Besucherinnen und Besucher kommt zum ersten Mal auf den Friedhof“, bestätigt Kickert.

Und was macht ihn so besonders? „Die Menschen, die hier begraben sind, haben das Fundament für vieles von dem gelegt, was wir heute kennen: das Künstlerhaus, Blindeninstitute, die Franz- Josefs-Bahn. Das ist ein so wunderschönes Zeichen für den ersten großen Aufstieg der Stadt Wien zu einer Metropole.“

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Landtagsabgeordnete Jennifer Kickert vor sanierten Grabsteinen.   

Dennoch wurden die Gräber über viele Jahrzehnte dem Verfall, der Witterung und dem wuchernden Dickicht überlassen. „Vieles ging dadurch unwiederbringlich verloren“, sagt Kickert – ganz abgesehen von den Zerstörungen, die der Friedhof während der NS-Zeit erfuhr. Nach dem Holocaust gab es kaum noch Angehörige, die sich um ihre Familiengräber kümmern konnten, die Israelitische Kultusgemeinde konnte den Erhalt alleine nicht stemmen. Mittlerweile kommen Bund und Stadt aber ihrer historischen Verantwortung nach, sagt Kickert.

Finanzierung

2001 wurde das Washingtoner Abkommen unterzeichnet, das unter anderem die völkerrechtliche Verpflichtung der Republik Österreich festhält, die jüdischen Friedhöfe des Landes zu sanieren und zu erhalten. „Und dann hat es trotzdem noch ewig gedauert, bis man sich darauf geeinigt hat, wer für die Friedhöfe zuständig ist. Also ein typisch österreichischer Streit, bei dem sich Land und Bund den Ball zugeschoben haben“, erzählt Kickert.

Eine Million Euro pro Jahr steht heute für die Sanierung der jüdischen Friedhöfe zur Verfügung, die IKG als Eigentümerin finanziert mit, dazu kommen noch private Spenden. „Hier sind sicher schon 700.000 Euro von privaten Spenderinnen und Spendern verbaut“, sagt Kickert.

Vieles bleibt brüchig, vieles ist für immer verloren. Doch Grabstein für Grabstein wird am Friedhof in Währing die Erinnerung an jüdisches Leben vergangener Generationen bewahrt.

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