Vorleser dringend gesucht: Brezina wirbt für Lesepaten
Fast alle Hände im Turnsaal gehen in die Höhe, Zahlen werden durcheinander gerufen, es liegt eine derart freudige Anspannung in der Luft, dass man sich auch als Erwachsener fast nicht zurückhalten kann, mitzuraten. Kinderbuch-Autor Thomas Brezina löst am Donnerstag gemeinsam mit den zweiten Klassen der Mittelschule Geblergasse aus Hernals den Fall „Der Fluch des Pharao“ des von ihm erfundenen Tiger-Teams. Die 11- bis 13-Jährigen sind mit Feuereifer bei der Sache, im ganzen Raum sieht man niemanden, der sich langweilt.
Brezina ist im Zuge des Österreichischen Vorlesetages an die Schule gekommen. Eine Initiative, die das Vorlesen wieder in den Mittelpunkt stellen soll, bundesweit wurden mehr als 10.000 Veranstaltungen durchgeführt.
Der Autor ist auch das neue Testimonial für Lesepatenschaften. Mehr als 4.600 ehrenamtliche Patinnen und Paten lesen bereits in Kindergärten, Volksschulen, Bibliotheken und anderen Einrichtungen vor. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) hat angekündigt, dass die Initiative durch zusätzliche Fördermittel von 120.000 Euro ausgebaut werden soll.
Brezina als Testimonial
Dass Brezina ein gutes Testimonial ist, weil er ganze Generationen für das Lesen begeistert hat, zeigt sich einmal mehr an diesem Vormittag. Lehrerin Azra hat extra ein Tom-Turbo-Buch mitgenommen, um es sich signieren zu lassen, was Wiens Bildungsstadträtin Bettina Emmerling (ebenfalls Neos) zu einem „Mist, ich hätte auch an ein Knickerbocker-Bande-Buch denken sollen“, verleitet.
Generell haben insbesondere österreichische Autorinnen und Autoren die heimischen Heranwachsenden geprägt: Bei den anwesenden Erwachsenen hört man am Donnerstag oft die Namen Christine Nöstlinger oder Mira Lobe.
Leseleidenschaft zu fördern, ist keine Liebhaberei, sondern essenziell: In Österreich hat sich laut PIAAC-Erhebung seit 2011 die Gruppe der 16- bis 65-Jährigen mit Problemen beim Lesen auf 29 Prozent praktisch verdoppelt. Für junge Menschen bedeutet das vor allem weniger Möglichkeiten auf ihrem Karriereweg.
Einer der gewichtigsten Ursachen für die Lesekompetenz ist der Bildungsstand der Eltern, dieser Faktor landet noch vor Herkunft. Niedriger Bildungsstand geht oft mit Armut einher. Und in armutsbetroffenen Familien wiederum wird weniger vorgelesen, wie Judith Ranftler von der Volkshilfe erklärt. Das liege einerseits daran, dass diese Familien oft weniger Bücher zu Hause hätten, andererseits, weil aufgrund von Stress keine Zeit dafür gefunden werde.
Zielsetzung
Lesepatinnen und Lesepaten unterstützen Kinder und Jugendliche beim Lesen oder lesen vor. Die Funktion ist ehrenamtlich.
Förderung
Mit den zusätzlichen Fördermitteln von 120.000 Euro werden. Organisationen unterstützt, die Patinnen und Paten qualifizieren oder begleiten.
Pate in Wien werden
Ein Einsatz als Lesepate in Wiener Kindergärten ist über das Wiener Rote Kreuz möglich. Infos: 0664/8233934. Wer mit Kleingruppen an Volksschulen, Neue Mittelschulen oder an ein Schulzentrum für Inklusion, Sonderpädagogik lesen will, kann sich bei der Bildungsdirektion Wien unter 0664/8198771 informieren.
Auch Ranftler liest am Donnerstag vor, gemeinsam mit Thalia-Geschäftsführerin Andrea Heumann in der Filiale auf der Mariahilfer Straße.
Ein „Was?“, platzt einem Kind der 3C der Volksschule Bildungscampus Sonnwendviertel voller Erstaunen heraus. Heumann hat zuvor vorgelesen, dass der Körper eines zehnjährigen Kindes aus 17 Billionen Zellen besteht. Die Info stammt – wie könnte es anders sein – aus einem weiteren Buch Brezinas, nämlich „Was dein Körper sagen würde, wenn er sprechen könnte“. Der Ausruf des Kindes ist ähnlich mit Emotion aufgeladen, wie das erleichtert aufseufzende „Jaaaa“, der Kinder in der Hernalser Schule, die auf Brezinas Rätselfragen richtig geantwortet haben.
Lesezeichen-Aktion
Im Thalia wird aber nicht nur vorgelesen, die Volkshilfe erhält auch Geschenkkarten, mit denen sich armutsbetroffene Kinder und Jugendliche Bücher aussuchen können. Während des Weihnachtsgeschäfts waren Volkshilfe-Lesezeichen für zwei Euro verkauft worden, der Erlös, insgesamt 8.300 Euro, wurde von Thalia nun eben in Gutscheine umgewandelt. Die Aktion wird auch 2026 wieder fortgesetzt, sagt Heumann.
Im Publikum sieht man bei beiden Veranstaltungen immer wieder Kinder, die den Mund verwundert aufreißen und die dargebotenen Fakten wiederholen. An Faszination an vorgelesenen Geschichten mangelt es also nicht.
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