Volksschule: Nur 59 Prozent der Viertklässler können ausreichend lesen
Österreich Volksschulkinder haben ihre Mathematikfähigkeiten erneut verbessert, 84 Prozent der Viertklässler haben in dem Fach zuletzt die Bildungsstandards erreicht oder übertroffen. In Deutsch hapert es weiter: In den Jahren 2023 bis 2025 haben im Kompetenzbereich Lesen nur 59 Prozent die Ziele zumindest erreicht, zeigt der am Dienstag vorgestellte Ergebnisbericht zur individuellen Kompetenzmessung PLUS (iKM PLUS). Probleme gibt es vor allem an Brennpunktschulen.
In Mathematik sind die Mittelwerte seit Beginn der Bildungsstandardüberprüfungen 2010 kontinuierlich gestiegen, auch im Vergleich zur letzten Erhebung von 2018. Die Gruppe der Spitzenmathematiker, die die vorgesehenen Kompetenzen übertroffen haben, ist seit damals noch einmal minimal auf 18 Prozent angewachsen. Der Anteil der Kinder, der am Ende der Volksschulzeit die Standards nicht oder nur teilweise erreicht hat und nicht einmal mathematische Routineverfahren durchführen kann, ist mit acht bzw. neun Prozent annähernd gleichgeblieben. Auch bei der internationalen Volksschul-Vergleichsstudie TIMSS legt Österreich in Mathe seit Jahren zu und schneidet überdurchschnittlich ab.
Deutsch-Probleme und wenige Spitzenleser
Die nur durchschnittlichen Ergebnisse der Volksschülerinnen und Volksschüler in Deutsch - getestet wurden fast 15.800 vierte Klassen - kennt man ebenfalls aus internationalen Vergleichen wie der PIRLS-Studie. Gegenüber 2015, als zuletzt Bildungsstandards in Deutsch erhoben wurden, gab es im Kompetenzbereich Lesen keine Verbesserungen mehr.
Laut dem aktuellen Bericht über die Schuljahre 2022/23 bis 2024/25 haben hier zuletzt 15 Prozent am Ende der Volksschule die Standards nicht erreicht, weitere 27 schafften es nur teilweise und haben damit lediglich elementare Lesefähigkeiten (2015: 13 bzw. 25). Der Mittelwert ging beim Lesen im Vergleich zu 2015 noch einmal geringfügig nach unten, die Gruppe der besonders guten Leserinnen und Leser blieb mit sieben Prozent quasi unverändert klein. In der Kategorie Zuhören ging es etwas bergauf, in der Kategorie Textproduktion ebenso. Beim Kriterium "Sprachliche Richtigkeit" (korrekte Grammatik, Rechtschreibung, Zeichensetzung) haben allerdings gleich 73 Prozent die Standards nicht oder nur teilweise erreicht.
Beim Trendvergleich über die Jahre muss laut den Studienautorinnen und -autoren vom Institut des Bundes für die Qualitätssicherung im österreichischen Schulwesen (IQS) berücksichtigt werden, dass seit 2009 an Österreichs Schulen der Anteil an Kindern mit einer anderen Erstsprache als Deutsch deutlich gestiegen ist und es gleichzeitig mehr Eltern mit höherem Bildungsabschluss gibt. Die Entwicklung hat sich je nach Standort unterschiedlich niedergeschlagen, manche Schulen haben dadurch heute bessere Lernvoraussetzungen, andere schwierigere. Noch unklar sind auch die Auswirkungen der vorübergehenden Umstellung auf Distance Learning während der Coronapandemie ab 2020, von der alle getesteten Kinder betroffen waren.
Bundesländer ähnlich
Zwischen den Bundesländern unterscheiden sich die Ergebnisse in den meisten Fällen kaum. Ausreißer nach oben ist das Burgenland mit Spitzenwerten in Lesen und Mathe (532 bzw. 528 Punkte; Österreich-Mittelwert: 500), bedeutend bessere Ergebnisse liefern beim Lesen außerdem noch Kärnten (517) und Salzburg (515). Das Burgenland hat dabei nicht nur besonders gut abgeschnitten, sondern sogar auch signifikant besser, als angesichts der sozialen Zusammensetzung an den Schulen zu erwarten gewesen wäre.
Signifikant unter dem Österreich-Schnitt landen Wien (Mathe: 482 Punkte, Lesen: 475 Punkte) und Vorarlberg (Mathe: 485), die Ergebnisse entsprechen allerdings recht genau dem angesichts der Schülerschaft erwarteten Wert. In Wien fallen etwa 58 Prozent der Schulen bei der "Sozioökonomischen Ausgangslage" (SÖL) in die untersten Kategorien eins und zwei, unterrichten also besonders viele Kinder mit Migrationshintergrund und einer anderen Erstsprache als Deutsch, deren Eltern einen niedrigen Bildungsabschluss haben und wenig verdienen. Schulen dieser Kategorie erreichen über alle Bundesländer hinweg Ergebnisse unter dem Durchschnitt.
Im Rest von Österreich fallen gerade einmal 14 Prozent in die beiden Stufen mit den schwierigsten Lernvoraussetzungen, in Vorarlberg 24. Im Burgenland und Tirol gibt es keine einzige Schule in der SÖL-Kategorie eins, in Kategorie zwei sind es gerade einmal drei bzw. sechs Prozent der Standorte.
Städte unterdurchschnittlich
Vergleichsweise schlechtere Ergebnisse haben auch andere größere Städte geliefert, wo gleichzeitig die meisten Schulen mit niedriger SÖL-Kategorie zu finden sind: In Mathematik liegt das Ergebnis in neun der 20 untersuchten Städte unter dem Mittelwert, der für ihr Bundesland ausgewiesen wird (Linz, Wels, Steyr, Traun, St. Pölten, Wiener Neustadt, Innsbruck, Feldkirch, Eisenstadt). Beim Lesen landen zusätzlich noch Graz, Salzburg Stadt und Villach unter ihrem jeweiligen Bundesland-Mittelwert. Am weitesten abgeschlagen sind u.a. Wels (Lesen: 444, Mathe: 449), Traun (458, 461), Feldkirch (467, 466) und Wiener Neustadt (469, 474).
In den Bundesländer-Ergebnissen schlagen sich die schwierigeren Lernbedingungen an den städtischen Schulen kaum nieder. Abseits von Wien machen diese nämlich nur einen geringen Teil der Standorte aus, wie IQS-Direktor Robert Klinglmair bei der Präsentation der Studienergebnisse betonte. Geht es nach der Studie, leisten die städtischen Schulen angesichts ihres Klientels übrigens gute Arbeit: Vergleicht man nur Schulen mit einem ähnlichen sozialen Schüler-Mix, erreichen an den städtischen Schulen mehr Kinder die Bildungsstandards als in mittel besiedelten Gegenden oder am Land.
Ergebnisse der achten Schulstufe im Herbst
Bei der iKM PLUS werden jährlich alle Kinder in der 3. und 4. Klasse Volksschule (Deutsch/Lesen, Mathematik) und in der 3. und 4. Klasse Mittelschule/AHS-Unterstufe (Deutsch, Englisch, Mathe) getestet. Dazu kommen einmal in drei Jahren die Kompetenzbereiche Zuhören bzw. Verfassen von Texten. Geprüft wird, wieweit die seit 2009 zusätzlich zum Lehrplan geltenden Bildungsstandards erreicht werden. Die Resultate gehen an Kinder, Eltern, Lehrkräfte, Schulleitungen und Bildungsdirektionen der Bundesländer. Lehrkräfte sollen die Ergebnisse zur individuellen Förderung ihrer Schüler und zur Verbesserung ihres Unterrichts nutzen, auf die Noten haben die Testergebnisse keinen Einfluss.
Alle drei Jahre erscheint ein Bundesbericht mit den zusammenfassenden Ergebnissen und Trends auf Bundes- und Bundesländerebene. Der am Dienstag präsentierte Volksschul-Bericht ist der erste im neuen Format, am heutigen Dienstag erhält auch jede Schulleitung einen Schulbericht mit Vergleichen etwa zu anderen Standorten mit ähnlicher Schülerschaft. Die Ergebnisse der 4. Klasse Mittelschule und AHS-Unterstufe sollen im Herbst erscheinen.
Wiederkehr sieht sich auf Kurs
Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) bezeichnete die Ergebnisse des Berichts bei einer Pressekonferenz am Dienstag als "klaren Arbeitsauftrag". Es sei zwar erfreulich, dass die Ergebnisse trotz Coronapandemie und Flüchtlingszustrom stabil geblieben bzw. in Mathe sogar besser geworden seien. Im Lesen seien die Resultate allerdings "nicht gut genug", der weiter starke Einfluss des Elternhauses auf die Lernergebnisse sei "besorgniserregend".
Gleichzeitig sah Wiederkehr die Daten als Bestätigung seiner schon begonnenen Maßnahmen. Über den Chancenbonus, durch den ab Herbst 400 Schulen in den beiden niedrigsten SÖL-Kategorien zusätzliches Personal bekommen werden, könne man das Geld treffsicher dort investieren, wo es die größte Wirkung habe. Auch der starke Fokus auf Deutschförderung mit mehr Personal und mehr Möglichkeiten der Schulen, ihre Deutschförderung am Standort autonom zu gestalten, soll die Lesekompetenzen weiter verbessern, so der Minister.
(Studie abrufbar unter https://go.apa.at/r7hwpj4o)
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