Chronik | Wien
04.03.2012

Vom Arbeitsamt in den Turnsaal

Ein Mittfünfziger sucht Arbeit – eine Schuldirektorin hat zu viel davon. So beginnt in Wien eine Erfolgsgeschichte.

Er ist ihr Vorturner, ihr Motivator, ihr groß gewachsenes Vorbild, ihr Geschichtenerzähler. Er genießt das volle Vertrauen der Kinder in einer Volksschule in Wien-Brigittenau.

Er genießt dieses Vertrauen wirklich. „Nach all dem, was passiert ist, bin ich sehr glücklich mit diesem neuen Job“, erklärt Simon Palmisano in einer Schulpause. Sein Weg in den Turnsaal war in der Tat alles andere als vorgezeichnet.

Der fitte 56-Jährige war fast 25 Jahre lang ein passionierter Porzellan-Bemaler in der Augarten-Manufaktur. Hätte man ihn dort nicht vor drei Jahren auf die große Kündigungsliste gesetzt, würde er heute noch liebend gerne im Augarten arbeiten.

Trauriger Beginn

Die Wirtschaftskrise – sie hat auch ihn getroffen. Von einem Tag auf den anderen war seine Arbeit weg. Und auch die gewohnte Sicherheit. Doch einer wie Simon Palmisano geht nicht so leicht in die Knie – er ist mehrfacher Staatsmeister im Gewichtheben.

Geholfen hat ihm, dass er als junger Mensch das Lehramt für Sport fast fertigstudiert hat. Geholfen hat ihm dann der Wiener ArbeitnehmerInnen-Förderungsfond, der ihm eine Ausbildung zum Fitnesstrainer finanziert hat. Geholfen hat ihm aber vor allem die Direktorin der Europaschule in der Vorgartenstraße, eine Schule, die schon mehrfach mit innovativen Programmen für Aufsehen gesorgt hat.

„Wir haben vor zwei Jahren für unsere Kinder die tägliche Turnstunde eingeführt“, erzählt Direktorin Ilse Henner. „Das war an sich eine gute Idee, doch ich hatte anfangs für die 17 Klassen nicht ausreichend Lehrer.“

Simon Palmisano, aufgrund seines vorgerückten Alters auf dem Arbeitsmarkt schwer vermittelbar, kam für sie wie gerufen. Erst durfte er in ihrer Schule hospitieren. Nach einer mehrmonatigen Probezeit im Turnunterricht hat er am Ende einen Sondervertrag vom Stadtschulrat bekommen.

Heute sind die Kinder begeistert von seinen Übungen, lauschen konzentriert seinen Anweisungen. Die tägliche Turnstunde, die der Schule übrigens keinen Euro mehr kostet, wirkt sich positiv auf das Klima in den Klassen aus. Die Direktorin sieht sich bestätigt: „Die Kinder sind lockerer, fröhlicher, munterer – und beim Arbeiten deutlich konzentrierter.“

Happy End

Natürlich gibt es auch an ihrer Schule Aggressionen. Die Europaschule, in der in mehreren Sprachen unterrichtet wird, befindet sich in einer wenig wohlhabenden Wohngegend. Vor ein paar Jahren noch hatte sie einen schlechten Ruf. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Und es ist klar: Viel negative Energie kann im Turnsaal und auf dem Schulhof abgebaut werden.

Es ist nicht so, dass der Unterricht mit Kindern immer einfach ist. Es ist auch nicht so, dass Simon Palmisano überbezahlt wäre. Dennoch überwiegt bei ihm die Freude, dass er als Sportler auf die Siegerstraße zurückkehren konnte. Dankbar ist er dafür dem Gesundheitssport-Wanderprediger der ASKÖ, Günter Schagerl, der wieder einmal die richtigen Menschen an einen Tisch zusammengebracht hat.

Auch seine Direktorin hat Mut und Fingerspitzengefühl bewiesen. Anfangs gab es da und dort Vorbehalte. Heute sind alle überzeugt, dass der Quereinsteiger eine echte Verstärkung ist.

Mehr Bewegung: Auch in der Schule

Tägliche Turnstunde Alle 387 Schüler der Europaschule haben täglich eine Stunde Bewegung. Direktorin Ilse Henner betont, dass sie die tägliche Turnstunde keinen Euro mehr kostet, weil im Rahmen der Schulautonomie der Schwerpunkt auf Bewegung gesetzt wurde. Zusätzlich zum Turnen lässt sie die Schüler in den großen Pausen in den sehr gut ausgebauten Schulgarten.

Nationaler Aktionsplan Innovative, bewegungsfreundliche Schulen wie die Europaschule sollen im Nationalen Aktionsplan Bewegung eine wichtige Rolle spielen. Auftraggeber für den NAP.b sind das Sport- und das Gesundheitsministerium. Weitere Bereiche neben dem Bildungssystem sind unter anderem: Der organisierte Sport und das Gesundheitssystem.