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Umfrage
09/06/2019

Unpünktlichkeit, kein W-LAN: Das tägliche Leid der Pendler

Interaktive Karte zeigt, auf welchen Strecken es Probleme gibt. Arbeiterkammer will 5,5 Milliarden für Öffiausbau.

von Kevin Kada

Fast die Hälfte – nämlich 49 Prozent – der Pendler, die täglich mit dem Auto fahren, würden auf das Auto verzichten,  wenn der öffentliche Verkehr besser ausgebaut wäre. Weitere 18 Prozent würden möglicherweise umsteigen – nämlich dann, wenn das Angebot passt.  Und das, obwohl die Züge unpünktlich sind, zum Teil schlecht ausgestattet und es zu wenige Stellplätze bei Park-and-Ride-Anlagen gibt.

Das sind die zentralen Ergebnisse der aktuellen Pendler-Umfrage der Arbeiterkammern Wien, Niederösterreich und Burgenland.  Exakt 2.053     Personen, die täglich  mit  Auto-, Bus- oder Bahn  in die Arbeit pendeln, wurden befragt.  55 Prozent davon waren Frauen, 70 Prozent pendeln fünf Mal pro Woche. Mehr als ein Drittel (36 Prozent) braucht für den täglichen Arbeitsweg länger als 60 Minuten – für eine Strecke.  Und: Laut den Befragten gibt es dringenden Handlungsbedarf. 

Was braucht es also, damit  mehr tägliche Pendler vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen? Woran hakt es und was wünschen sich die Pendler? Der KURIER hat die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

1) Wie viele Menschen pendeln in Wien, NÖ  und dem Burgenland?

Laut der Pendlerströme-Erhebung der ÖBB vom April dieses Jahres sind es 612.700 Personen. Die Unterschiede in den Bundesländern sind groß (siehe Grafik): Während in Wien täglich 63 Prozent mit Öffis und nur 8 Prozent mit dem Auto in die Arbeit fahren, sind es in Niederösterreich und dem Burgenland mit 41 beziehungsweise 74 Prozent deutlich mehr.  Um noch ein weiteres Beispiel zu nennen: Im Burgenland pendeln täglich 51.000 Menschen in die Arbeit – die Hälfte davon nach Wien, ein Viertel nach Niederösterreich.

 

2) Wie ist die Qualität der Zug-Verbindungen in und um Wien?

Sehr unterschiedlich. Problemkind ist die sogenannte Nordachse in Richtung Gänserndorf (NÖ).  Auf der Strecke gibt es nicht nur zu wenige Verbindungen nach Wien, die Züge kommen unpünktlich an und sind schlecht ausgestattet. Ganz anders sieht es auf der Westachse Richtung St. Pölten und Amstetten aus:  Die Züge dort kommen pünktlich an, sind sauber und gut ausgestattet: Allerdings: Es gibt zu wenige.

3) Woran hakt es in Wien?

Alles steht und fällt mit der Stammstrecke zwischen Wien-Floridsdorf und Wien-Meidling.  Wenn mehr Pendler mit dem Zug in die Arbeit nach Wien kommen sollen, braucht es mehr Verbindungen. Denn die Stammstrecke ist ausgelastet.   „Zwar ist Wien in Sachen Öffis eine Vorbild-Stadt, aber sicher ist, dass es gerade auf der S-Bahn-Strecke tatsächlich ein Nadelöhr ist“, sagt Sylvia Leodolter, Verkehrsexpertin der AK Wien.

 

4) Wo liegen die größten Kritikpunkte der Pendlerinnen und Pendler?

Die größte Unzufriedenheit (36 Prozent) bei den 2.053 Befragten gibt es wegen unpünktlicher Züge. Gleich danach folgt die Anzahl der Zugverbindungen, die sei viel zu gering. Moniert wird auch die Ausstattung der Züge. Etwa, dass es kein W-Lan  gibt, dass die Züge zu schmutzig seien. Und viele müssen schon auf dem Weg zur Arbeit stehen – denn auch Sitzplätze gibt es zu wenige.

 

5) Das Problem beginnt aber nicht erst beim Zug. Wo hakt es vorher?

Für Schwierigkeiten bei vielen Pendlern in Niederösterreich und dem Burgenland sorgt die sogenannte „Letzte Meile“, also der Weg von zu Hause zur öffentlichen Anbindung: Auf den Bahnhöfen gibt es zu wenige Park-and-Ride-Stellplätze, zu wenige Fahrrad- und Motorradparkplätze. Außerdem gibt es kaum Möglichkeiten, E-Autos aufzuladen. Im Burgenland setzt man jetzt voll aufs Radfahren: Bei der Neu-Eröffnung des Bahnhofes Wulkaprodersdorf am Freitag etwa wurden 230 Parkplätze  für  Autos,  E-Ladestationen sowie Parkplätze für Motor- und Fahrräder geschaffen. Außerdem gibt es eine neue Bushaltestelle direkt vor dem Bahnhof.

6) Was wünschen sich die Pendlerinnen und Pendler jetzt genau?

Am wichtigsten ist ihnen eine günstige Netzkarte für die gesamte Ost-Region. 95 Prozent der Befragten wünschen sich eine solche. 86 Prozent hoffen auf eine Aufstockung der Zug-Verbindungen. 64 Prozent wünschen sich mehr Park-and-Ride-Anlagen, 61 Prozent mehr Rad-Infrastruktur, also Radwege, Stellplätzen, versperrbare Boxen. Interessant ist auch: Mehr als die Hälfte der befragte Pendlerinnen und Pendler wünscht sich Ansprechpartner im Zug. Und generell natürlich: Pünktliche und saubere Züge.

 

7) Was fordert nun die Arbeiterkammer?

Aus Sicht der AK-Präsidenten  Renate Anderl (Wien), Markus Wieser (NÖ) und Gerhard Michalitsch (Burgenland) führt kein Weg an einem günstigen Öffi-Ticket für die gesamte Ost-Region vorbei. „Ein Ticket für die Region und besser früher als später eine Netzkarte für ganz Österreich sollte das Ziel sein“, sagten sie. Wie viel das maximal kosten soll verrieten sie aber nicht. Insgesamt müssten  rund 5,5 Milliarden Euro in den öffentlichen Verkehr gesteckt werden. Nur so könne es gelingen,  die verbliebenen 49 Prozent der Autofahrer ebenfalls auf die Schiene oder in die Busse zu bringen. „Bessere Öffis sind der Schlüssel zur Verbesserung des Alltags der Menschen und zur Lösung der Klimakrise“, sagen sie.

8) Was gedenkt die Politik jetzt zu tun?

Die Reaktionen auf das  von der AK geforderte gemeinsame Öffi-Ticket sind – wenig überraschend – recht unterschiedlich.

Wiens Verkehrsstadträtin Birgit Hebein (Grüne) steht dem Vorschlag positiv gegenüber. „Wenn wir es schaffen wollen, dass nicht mehr jeden Tag 200.000 Autos nach Wien stauen, dann braucht es ein leistbares Öffi-Ticket.“ Eine Jahreskarte von Tulln nach Wien  kostet 1.311 Euro. Laut Hebein ist das „kein attraktiver Preis“.

Im Burgenland  ist die Sache nicht so klar. Landesrat Heinrich Dorner (SPÖ)  hält das gemeinsame Öffi-Ticket für „einen interessanten Ansatz“. Allerdings müsse geklärt werden, wie eine solche Jahreskarte finanziert wird. Auch der Bund solle Mittel beisteuern.

In Niederösterreich hat man eine klare Position. Zwar gab es erst im Juli dieses Jahres  erneut einen Vorstoß von SPÖ und Grünen für ein 365-Euro-Ticket nach dem Vorbild der Wiener Linien. Dem teilte der für den Verkehr zuständige Landesrat Ludwig Schleritzko (ÖVP) aber eine Absage: Für die Einführung eines solchen Tickets müsste Niederösterreich die Ausgaben für die Angebote im öffentlichen Verkehr von 95 auf 381 Millionen Euro pro Jahr erhöhen –  ohne einen einzigen zusätzlichen Bus oder Zug dafür bereitgestellt zu haben.

Schleritzkos Zugang daher: „Wir wollen die Angebote an öffentlichen Verkehrsmitteln bis 2030 um bis zu 30 Prozent ausbauen.“ Zum Beispiel mit zusätzlichen Bus- oder Zugverbindungen, neuen Bahnhöfen und mehr Park-and-Ride-Anlagen.