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Chronik Wien
02/17/2020

U6-Unfall gefilmt: "Dem Opfer wird die Würde genommen“

Eine 31-jährige Frau wurde von der U-Bahn überfahren – Videos der Leiche kursierten im Netz

von Konstantin Auer, Birgit Seiser

Obwohl der U-Bahn-Fahrer eine 31-jährige Frau am Samstagabend mehrmals zum Zurücktreten ermahnt hatte, geriet sie nach der Abfahrt zwischen zwei Waggons. Die junge Frau starb noch in der U6-Station Am Schöpfwerk.

Einige Passanten reagierten richtig und drückten den Notknopf. Aber noch bevor die ersten Einsatzkräfte ankamen, holte zumindest ein Mann sein Handy heraus und filmte das Opfer. Das Video kursierte am Sonntagvormittag auf den Websites von diversen Medien. Das sorgt jetzt für heftige Kritik der Einsatzkräfte und der Wiener Linien.

Doch von Anfang an: Laut den ersten Videoauswertungen der Wiener Linien dürfte die Frau aus der U-Bahn Richtung Floridsdorf ausgestiegen und dann im Türbereich stehen geblieben sein. Der U-Bahn-Fahrer soll mehrfach darum gebeten haben, den blockierten Türbereich freizumachen.

Das tat die Frau dann auch. Sie ging kurz hinter die gelbe Linie und der Zug fuhr ab. Die Frau entschied sich allerdings wieder um und rannte auf die U-Bahn zu. Sie stürzte zwischen zwei Waggons und wurde überrollt.

Diverse Medien stellten das Video, auf dem die Leiche zu sehen war, online. Erst Sonntagmittag wurde es wieder offline genommen. Die Wiener Linien prüften, ob rechtliche Schritte gegen den Filmer möglich sind. Das Ergebnis: Es geht nicht.

Eine Frage der Moral

„Wir können nur an die Courage unserer Fahrgäste appellieren und auf die moralische Verwerflichkeit solcher Videos hinweisen“, sagt Lisa Schmid, Sprecherin der Wiener Linien.

Denn im erst 2018 novellierten Sicherheitspolizeigesetz heißt es, dass Gaffer nur bestraft werden können, wenn trotz Abmahnung weitergefilmt oder gestört wird. Dafür drohen Strafen von bis zu 500 Euro, unter Umständen sogar Haft von ein bis zwei Wochen.

„Aber nicht alles, was erlaubt ist, ist auch korrekt“, sagt ein Polizeisprecher. Wie viele Anzeigen es nach dem neuen Gesetz gegeben hat, erfasst die Wiener Polizei nicht. Zu Behinderungen von Einsätzen komme es laut einem Sprecher der Berufsrettung aber regelmäßig.

"Gaffer lenken ab"

"Gaffer können zu Verzögerungen bei einem Rettungseinsatz führen, wenn sie zu nahe am Unfallort oder bei der verletzten Person sind. Das kann die Rettungsteams am Weg zum Patienten oder später dann beim Abtransport behindern", sagt Rettungssprecher Andreas Huber. Wenn Entscheidungen innerhalb von Sekunden getroffen werden müssen, würden Gaffer ablenken.

Voyeurismus hätte es schon immer gegeben - doch heute werden die Aufnahmen schneller verbreitet. Das Filmen sei zudem zu einem Geschäftsmodell geworden, sagt Kommunikationswissenschafter Matthias Karmasin. Denn manche Medien bezahlen für solche Aufnahmen. „Grundsätzlich sind Leserreporter etwas Gutes, weil sie die Leser an das Medium binden“, sagt Karmasin. Es müsse aber ethische Regeln geben.

„Durch solche Videos wird dem Opfer die Würde genommen“, sagt Medienethiker Maximilian Gottschlich. Es werde zum Schauobjekt degradiert und durch den Verkauf des Videos verkommerzialisiert.

Der Filmer wiederum hätte öffentliche Aufmerksamkeit mit sozialer Anerkennung verwechselt und wollte sich mit seiner Tat wohl selbst vermarkten.

Der zweite Vorfall binnen weniger Monate

Der tragische Tod der jungen Frau am Samstagabend in der U6-Station Am Schöpfwerk lässt viele besorgt zurück. Es stellt sich die Frage, wie die 31-Jährige  in den Spalt zwischen Bahnsteig und U-Bahn geraten konnte.

Dass dies relativ leicht passieren kann, zeigt allerdings ein ähnlicher Fall, der sich erst Mitte November vergangenen Jahres abspielte. Auch damals  war es eine Station der U6. Denn nur bei dieser Linie sind die Waggons getrennt.

Michael Lindenbauer war in der Thaliastraße  in den Spalt  geraten. Auch er war zur U-Bahn geeilt. „Die Folge war ein offener Schienbeinbruch. Ich bin nach dreieinhalb Monaten immer noch großteils mit Krücken unterwegs“, erzählt der ehemalige Mitarbeiter des Parlaments. 

Der 31-Jährige hatte Glück im Unglück – obwohl die Garnitur bereits  in Fahrt war, konnte er sein Bein befreien.  Trotzdem warnt er davor, der U-Bahn nachzulaufen und wünscht sich Maßnahmen, die solche Unfälle verhindern könnten: „Türen an den Bahnsteigen  würden das Risiko sicher minimieren. Ich denke jedoch, ein Restrisiko besteht immer und man sollte eigenverantwortlich handeln.

Die Durchsage ,Zurücktreten bitte’ muss ernstgenommen werden.“ Sicherheitstüren sind bei der  neuen U5 übrigens eingeplant. 

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