Chronik | Wien
07.10.2018

Treffpunkt Wien: Otto Schenk liefen "bachweise die Tränen“

Der goldene Saal des Musikvereins weckte Otto Schenks Faszination für Musik. Nun darf er hier dirigieren.

Er hat etwas Magisches, dieser Ort.

Es ist 76 Jahre her, aber an seinen ersten Besuch im Goldenen Saal des Musikvereins erinnert sich Otto Schenk, als wäre es gestern gewesen: „Es war die achte Symphonie von Bruckner, ein gewaltiges Werk, wenn man das als 12-Jähriger ohne musikalische Vorbildung hört. Aber es hat für mich so aufbrausende Himmelsströmungen. Ich hab’ in dem Moment wirklich geglaubt, ich fang’ an, zu fliegen. Bachweise sind mir die Tränen heruntergelaufen.“

Sein Onkel hatte ihn ins Stehparterre mitgenommen – und eine Faszination geweckt, die er so wohl nicht vermutet hatte. Der junge Otto Schenk kam häufig wieder, allerdings ohne Karte. „Ich war ein Hinein-mich-Schwindelnder, hatte meine Wege. Heute sind die zugemauert.“

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Als Zwölfjähriger....

...besuchte Otto Schenk das erste Mal den Musikverein.

Er war so ergriffen, dass er sich danach häufig wieder dorthin zurückkehrte.

Am 3. November wird er nun erstmals im Goldenen Saal selbst dirgieren.

Das Programm heißt "Noten und Anekdoten"

Nervös ist Otto Schenk nicht. Lampenfieber hat er sich früh abgewöhnt.

Das Wichtige bei einem Taktstock: 

Er muss unelastisch sein, wie ein drohender Zeigefinger. 

Den Taktstock, den er im Bild hält...

... hat er von seinem Lehrer Konrad Leitner geschenkt bekommen.

Wegen ihm? „Ich nehme an. Oder wegen meinesgleichen.“ Aus den Augen blitzt der Schalk, als er das sagt und der 88-jährige Schauspieler, Kabarettist, Regisseur und Intendant sieht für einen Moment aus wie der Lausbub von damals.

Premiere mit 88

In dem Saal, in dem er die schönsten Konzerte erlebte, wird er am 3. November erstmals selbst dirigieren. Knapp ein Monat vor dem Auftritt, steht Otto Schenk schon einmal auf dem Orchesterpodium und geht in Richtung Dirigentenpult. Für das Foto mit dem KURIER durfte er zwischen zwei Proben in den prunkvollen Saal, der 1870 eröffnet wurde und als Kronjuwel unter den Konzertsälen gilt. So hoch die Erwartungen auch waren, schrieb die Presse im Jänner 1870, so wurden sie doch von dem ersten Eindruck des Saals überboten. Der Große Musikvereinssaal war von Theophil Hansen so angelegt worden, dass man von allen Punkten des Saals gleich gut hört. Gliedernde Elemente wie Balkone sorgen für die Streuung der Schallwellen, ein Hohlraum im Boden bildet, wie bei einer Geige, einen Resonanzkörper unter den Füßen.

„Wo ist mein Staberl?“, Otto Schenk dreht sich auf halbem Weg zum Dirigentenpult um und lässt sich den Taktstock reichen. Er hat ihn von seinem Lehrer Konrad Leitner geschenkt bekommen.

Worauf man bei Taktstöcken achten muss?

„Er muss unelastisch sein, ruhig in der Hand liegen, drohend wirken, als würde er sagen: ,Wenn ihr nicht macht, was ich euch vorschlage ...‘“Otto Schenk wedelt mit dem Taktstock vor dem imaginären Orchester. „Vorschlagen“, sagt er dann, nachdenklicher, „die deutsche Sprache benützt so treffende Worte, ohne es zu wollen. Grausam fast. Die Generalprobe ist ja auch ein schreckliches Wort ...“

Dann bringt er sich für den Fotografen in Position.

Keine Langeweile

Nervös vor dem 3. November ist er übrigens nicht.

„Ich halte Lampenfieber für unappetitlich und deshalb hab’ ich es mir rechtzeitig abgewöhnt“, sagt er.

Ebenso wenig möchte er Leser langweilen. „Deshalb bin ich ein kaleidoskopischer Schreiber. Ich verwende nur die interessanten Stellen des Lebens.“ Auch bei seinem soeben erschienen Buch „Wer’s hört, wird selig“ hat er das so gehalten.

Dabei kann man sich Fadesse im Leben des Künstlers, der 30 Opern inszeniert, in Dutzenden Theateraufführungen sowie Filmen mitgewirkt und neun Bücher geschrieben hat, kaum vorstellen. Otto Schenk schüttelt den Kopf. „Ich bin eigentlich faul. Ich werde von meiner Umgebung nur zur Arbeit gereizt. Die glauben an mein Talent mehr als ich und fordern es, erfordern es und bezahlen es. Und ich bin da ja nicht unbestechlich.“ Er grinst.

Dann steckt er den Taktstock wieder in die Schutzhülle, lässt den Blick über die leeren Sitzreihen schweifen. Eines fällt ihm noch ein. Bruno Walters erstes Konzert nach seiner Migration (in die USA während des Zweiten Weltkriegs). Beethovens neunte Symphonie. Es war Vormittag und genau während der Zeile ,Und der Cherub steht vor Gott ‘ sei von der Seite ein Sonnenstrahl gekommen. „Man hat sich zusammenreißen müssen, nicht aufzuschreien“, sagt Otto Schenk und bekommt einen ehrfürchtigen Gesichtsausdruck.

Er hat etwas Magisches, dieser Ort.

Noten und Anekdoten

Otto Schenks Debüt: Ein heiterer Spaziergang durch die Welt der Musik von und mit Otto Schenk. Auch sein neues und neuntes Buch „Wer’s hört, wird selig“ (Amalthea, 26 Euro) wird präsentiert. Die Veranstaltung findet am 3. November um 20 Uhr im Musikverein statt. Tickets beim Musikverein (musikverein.at) oder bei Wien-Ticket (01/58885)