Chronik | Wien
10.06.2018

Treffpunkt Wien: Die Fleischeslust von Sweeney Todd

Morten Frank Larsen mimt den Barbier an der Volksoper. Seine Stärkung davor ist fleischlastig

„Ein Beef Tatar, bitte.“ Morten Frank Larsen muss nicht lange überlegen, was er in seinem Stammlokal „Zum gemütlichen Weinhauser“ bestellt. Was könnte als Vorbereitung für seine nächste Rolle schließlich besser passen als fein zerhacktes Fleisch?

Denn der Star-Bariton wird ab Dienstag wieder als Sweeney Todd auf der Bühne der Volksoper stehen. Dem teuflischen Barbier, der, kurz zusammengefasst, nach 15 Jahren im Exil verzweifelt in die Fleet Street zurückkehrt. Seine Familie findet er nicht, dafür ein Pastetengeschäft in seinem Rasierladen. Eine mörderische Kombination, wie sich bald herausstellt. Denn als Sweeney Todd das Messer am Barbierstuhl einmal zu tief ansetzt, weiß Pastetenverkäuferin Ms. Lovett sofort, wie sie die Leiche beseitigen und gleichzeitig das Pastetengeschäft ankurbeln kann.

„Es ist schon alles sehr makaber“, meint Larsen und in seinen Augen blitzt der Schalk. „Aber je höher das Blut spritzt, desto lauter lacht das Publikum.“

Während er im Schanigarten des Lokals in der Gentzgasse einen Schluck Apfelsaft nimmt, serviert der Kellner die Saucen: Tabascosauce, getrocknete Habaneros und eine Sauce mit dem Namen „Mad Dog 357“. „Die hat es in sich“, meint der Sänger. „Da darf man nur den Zahnstocher ein bisschen eintunken.“ Fünf Millionen Scoville steht auf dem Etikett. Zum Vergleich: Tabasco hat 2500.

Aber Morten Frank Larsen mag es scharf. Wie es sich für einen Bösewicht gehört, meint er augenzwinkernd. Es sei ja viel lustiger, die Bösen zu spielen, als die Guten.

Erfahrung hat Larsen in beiden Kategorien. Der Bariton, der seit 18 Jahren Ensemblemitglied der Volksoper ist, hat in seinem Leben mehr als 100 Rollen gespielt. Ob Don Giovanni oder der Barbier von Sevilla: Es gibt kaum eine namhafte Produktion, in der er nicht mitgewirkt hat.

Nicht nur in der Volks-, auch in der Staatsoper. Erst vor zwei Wochen spielte er etwa den Grafen in Richard Strauss’ letzter Oper „Capriccio“. Eine Rolle, die er vor einigen Jahren auch an der Met in New York gesungen hat.

Nun ist das Beef Tatar fertig. Angerichtet mit klein gehackten Kapern, Anchovis, Zwiebel und einem rohen Ei, wird es vom Lokalchef selbst serviert. Alexander Wanitschek hat den „gemütlichen Weinhauser“ vor sieben Jahren von seinem Großvater übernommen. Kulinarisch bietet er eine Mischung aus klassisch und modern. Es gibt Wiener Schnitzel genauso wie Orangen-Karotten-Suppe. Die Zutaten kommen von kleinen Händlern. Coca Cola oder Braununion-Bier sucht man vergeblich. Stattdessen gibt es Tirola Kola, Bier aus einer kleinen Brauerei in Gols sowie hausgemachte Limonaden. Und damit die Gäste wissen, wo der Wein herkommt, gibt es einmal im Jahr einen „Betriebsausflug“. In ein paar Tagen ist es wieder so weit.

Für Morten Frank Larsen geht es in ein paar Wochen – wenn die Volksoper in die Sommerpause geht – mit der Familie nach Dänemark. An die Küste. Das Meer sei ja das einzige, das er immer noch so richtig vermissen würde.

Apropos vermissen. Gibt es nach all den Rollen noch eine Figur, die ihn reizen würde? „Ja, den Hamlet“, erwidert er wie aus der Pistole geschossen. „Aus der französischen Oper von Ambroise Thomas.“ Da gebe es fünf tolle Arien. Darunter: Sein oder Nichtsein. „Und außerdem“, ergänzt er, „ist Hamlet ja auch ein Däne.“

Das wäre also doch etwas zu seinem 20-jährigen Volksopern-Jubiläum in zwei Jahren, überlegt er. Er nimmt einen Bissen Beef Tatar und grinst. Das könne er ja Volksopern-Direktor Robert Meyer fragen. Wenn dieser als Richter Turpin bei ihm auf dem Barbierstuhl sitzt.