Chronik | Wien
03.06.2018

Transsexuelle Kranführerin: Aus Herbert wurde Erika

Die 54-Jährige ist die erste transsexuelle Person Österreichs, die diesen Beruf ausübt.

Erika W. ist eine Frau und der Kran ist ihr Arbeitsplatz. Kranführerin war sie nicht immer. Denn vor wenigen Jahren lebte sie noch als Mann. Die 54-Jährige ist die erste transsexuelle Person Österreichs, die diesen Beruf ausübt. In einer Branche, in der Klischees noch vorhanden sind, ist dies für sie aber kein Problem: „Jetzt ist es leichter, weil ich eine Frau bin. Und gegenüber einer Frau sind die Bauarbeiter toleranter.“

Puppenecke geliebt

Bereits im Kindesalter hatte sie erste Anzeichen wahrgenommen. Denn in einem Kloster-Kindergarten war die Puppenecke ihr Zuhause. „Da habe ich schon gemerkt, ich bin anders. Die Kreuzschwestern haben das nicht gerne gesehen“, schildert sie. Auch in ihrem weiteren Leben wurde ihr verborgenes Ich zum Verhängnis.

„Ich hatte im Laufe meines Lebens einige Beziehungen zu Frauen, nur sind sie immer wieder in die Brüche gegangen, weil sie mich nicht so akzeptiert haben, wie ich bin. Bis Mitte 2013 habe ich eigentlich nicht gewusst, was los ist“, schildert die 54-Jährige. Diese Ungewissheit begleitete die gebürtige Steirerin über 49 Jahre – auch im Beruf als Kranführer. „Ich habe gewusst, dass es transidente Personen gibt. Aber ich habe es nie auf mich bezogen“, schildert sie. Auch eine Beziehung zu einem Mann brachte sie nicht auf diesen Gedanken.

Erst im Laufe einer Psychotherapie wurden dem damals 49-Jährigen die Augen geöffnet. „Die Therapeutin hat gesagt: ,Herr W., Sie sind ja zu mir gekommen,wegen beruflicher Unbelastbarkeit. Das sind aber die Folgen, von dem, was Sie eigentlich sind. Sie sind transsexuell.’“

Eine schwere Last für den Kranführer damals. Heute ist Erika für die späte Diagnose dankbar: „Ich habe drei Wochen gebraucht, um das für mich zu akzeptieren.“ Der Weg zur Frau war für sie ein steiniger. Die erste Hormontherapie brachte ihren Hormonhaushalt komplett durcheinander. Aufgeräumt war er erst nach einem knappen halben Jahr, die Blutwerte waren wieder im Reinen. Wie im Beruf kämpfte sie sich nach oben. Eine neue Therapie brachte den gewünschten Erfolg. „Danach habe ich gemerkt: Jetzt weiß ich, was mir gefehlt hat. Von da an ist es nur noch bergauf gegangen. Ich war zufriedener“, erzählt sie.

Im Jänner 2015 hatte sich der Steirer erstmals als Frau verkleidet und eine Kindergartenfreundin besucht. Beim Vorstellen mit anderen Gästen wurde erstmals aus Herbert Erika.

Als Frau in Pension

Zwei Monate später der bis dato wichtigste Augenblick ihres Lebens. „Seit 15. März 2015 bin ich auf dem Papier nicht mehr männlich, sondern weiblich“, erzählt sie. Aus Herbert Johannes wurde Erika Hermine. Wenige Monate später wurde auch die körperliche Verwandlung vollzogen. „Was ich sofort gemerkt habe: Ich habe früher geraucht und zwar nicht wenig.Von diesem Tag an habe ich keine einzige Zigarette mehr angeschaut. Ich habe nicht einmal mehr einen Gusto“, sagt W. schmunzelnd.

In Pension gehen darf Erika als Frau: „Und zwar mit 60. Jene, die sich ab 2017 angleichen haben lassen, fallen da nicht mehr rein“, schildert sie. Ihre Kollegen reagieren gelassen. „Sie nehmen mich, so wie ich bin. Weil sie sagen, ich bin auch nur ein Mensch.“ Ihr Leben gleiche jetzt weniger einer Baustelle. „Ich bin ausgeglichen und glücklich“, sagt sie. Und noch Single.

Kran Wien besuchte Erika ebenfalls auf der Baustelle: