Chronik | Wien
29.09.2017

Straßenbahn zu kaufen: Ein Stück Geschichte am Abstellgleis

Ein Tramway-Triebwagen stand über 30 Jahre im Garten eines Seniorenheims und steht jetzt zum Verkauf.

Es ist eine idyllische Gegend mitten in Hietzing. In einer Seitengasse neben der Hauptstraße liegt das Seniorenheim "Haus Trazerberg". Direkt am Fuße des Roten Berges, wo täglich Dutzende Passanten vorbeischlendern und dabei unbemerkt einen Hauch Wiener-Linien-Geschichte einatmen.

Was viele nicht wissen: In dem Garten des Heims steht ein Straßenbahn-Triebwagen, der seit der Eröffnung ein Bestandteil der Einrichtung ist. Seit Anfang dieser Woche wird an dem Waggon gesägt, gehämmert und geflext. Denn er wird demontiert. Das Wohnheim will den Platz anderweitig nutzen. Die Straßenbahn sei außerdem in schlechtem Zustand und wurde in letzter Zeit kaum mehr benutzt.Die Demontagearbeiten sind seit Tagen voll auf Schiene. Die Sesseln, die Haltegriffe, die Fahrerkabine – das ganze Innenleben wurde bereits herausgerissen.

Kaum Interessenten

Auf der Inseraten-Plattform willhaben.at wurde die 15 Tonnen schwere Straßenbahn um 1500 Euro zum Verkauf angeboten – Interessenten gab es wenige: "Zwei mögliche Käufer waren schon hier und haben allerdings abgesagt, weil ihr Garten zu klein ist", erklärt Gerhard Mayer, Geschäftsführer der Firma "Optimist", dem die Straßenbahn gehört. Das Inserat wurde mittlerweile wieder gelöscht. Denn die Zeit drängt und die Hoffnung auf einen Verkauf schwindet. "Wenn sich bis Montag niemand mehr meldet, wird der Waggon zersägt", erzählt Mayer. Dann gibt es nur noch einzelne Teile zum ergattern. Bis Ende nächster Woche muss nämlich der komplette Wagen weg sein.

Einige Passanten, die kurz innehalten und einen Blick über den Gartenzaun erhaschen, empfinden ein wenig Wehmut. So auch ein Ehepaar aus dem Bezirk: "Die Straßenbahn war früher ein Art Kaffeehaus. Die Bewohner sind drinnen gesessen, haben Kaffee getrunken und sogar Karten gespielt", erzählen die Hietzinger. Grund der Aufstellung im Heim, dass das Gefährt als Übungsgerät für die Senioren verwendet wurde. Damit konnten gebrechliche Menschen das Ein- und Aussteigen üben. Solche Waggons kamen auch bei Spitälern zum Einsatz. Heutzutage wird diese Übungsmethode wegen der Niederflurstraßenbahnen nicht mehr angewendet. Ein weiterer Grund für den Standort war, dass gleich neben dem Seniorenheim die Linie 158 vorbeifuhr. Diese wurde 1958 eingestellt, blieb aber vielen Hietzingern in Erinnerung. Der Triebwagen stammt aber aus einem ganz anderem Jahr. Jetzt befindet sich das Stück Tramway-Geschichte auf dem Abstellgleis.