Sanierung im Stadttempel: Etwas Altes, etwas Neues und etwas Blaues

Die Restaurierung verbindet Denkmalschutz, moderne Technik und die architektonischen Spuren von zwei Jahrhunderten. Im September wird die Synagoge feierlich wiedereröffnet.
Großer, runder Saal mit Kuppel, umlaufender Galerie, Säulen und einer zentralen Nische mit hebräischen Tafeln.

Fast auf den Tag genau vor 200 Jahren – am 9. April 1826 – öffneten sich die Tore des Stadttempels in der Seitenstettengasse zum ersten Mal für die jüdische Gemeinde. Jene Tore sind nun geschlossen, zumindest vorerst. Das historische Gotteshaus ist bautechnisch in die Jahre gekommen, die letzte Restaurierung liegt über drei Jahrzehnte zurück. Aktuell läuft deshalb eine Rundumrestaurierung. Entworfen wurde das Gebäude einst vom Architekten Josef Georg Kornhäusel. Mittlerweile trägt der Tempel aber unzählige architektonische Handschriften – zu denen sich nun jene von Natalie Neubauer und Eric Tschaikner gesellen. 

„Das Gebäude hat sich immer wieder verändert. Es gibt nicht eine Fassung, auf die wir zurückbauen“, erklären die beiden. Die Spuren der Geschichte sollen sichtbar bleiben, „wir fügen mit der Restaurierung eine Schicht hinzu.“ Das Konglomerat aus Bauepochen wird in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt restauriert.

Die Sanierung und Restaurierung der Synagoge ist derzeit in vollem Gange. „Wir wollen vor den Feiertagen im September fertig sein“, sagte Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) am Dienstag. Das Bauende soll somit pünktlich zum jüdischen Neujahrsfest Rosh Haschana abgeschlossen sein. Ein Eröffnungskonzert mit dem amerikanischen Star-Kantor Shulem Lemmer wird im Zuge dessen stattfinden.

Sanierung nach Plan

Neben einer generellen Sanierung wird der Brandschutz des Gebäudes verbessert. Auch in puncto Barrierefreiheit und Energieeffizienz werden Maßnahmen gesetzt. Zusätzlich wird das Haus sicherheitstechnisch auf den neusten Stand gebracht, so die IKG. Die Kosten für das Vorhaben belaufen sich auf 10,5 Millionen Euro. Ein Drittel davon wird vom Bund übernommen, ein weiteres von der Stadt Wien. Der Rest wird laut IKG durch Spenden finanziert: 81 Prozent der benötigten Summe seien bereits zustande gekommen. Die Renovierung verlaufe zeitlich und budgetär nach Plan.

Das Gebäude sei zwar spiritueller Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde, stehe aber ebenso Besucherinnen und Besuchern nicht jüdischen Glaubens offen, betont Deutsch bei einem Rundgang. „Es ist eben ein Gemeinschaftshaus, nicht nur ein Gotteshaus“, ergänzt Architektin Neubauer. So sei es möglich, im Stadttempel nicht nur religiöse Feste zu feiern, sondern beispielsweise auch Schulklassen bei Führungen das kulturelle Erbe zu vermitteln. Die Sanierung solle zu der in den vergangenen Jahren begonnenen Öffnung der Gemeinde nach außen beitragen.

Auf den Spuren der Geschichte

Ein erster Meilenstein der Arbeiten wurde bereits abgeschlossen: die Laterne, die die Kuppel des Dachs schmückt, wurde bereits mit einem neuen Anstrich versehen und eine Lüftung eingebaut. „Wir arbeiten uns sozusagen von oben nach unten“, so Tschaikner. Auch der Brandschutz wurde angepasst.

Nicht alles wird aber mit einem Update versehen: die strahlend blaue Kuppel, die mit goldenen Metallsternen geschmückt ist, wird es auch in Zukunft in dieser Farbkombination geben. „Die Originalversion war rot und die Sterne aufgemalt und nicht aus Metall“, erzählen die Architekten. Dazu passend dürfte der Boden der Kanzel designt worden sein: Die roten Steine seien typisch für die Epoche. Für die Architekten stellt die Entdeckung des Orginalbodens, der als nicht mehr erhalten galt, ein Highlight der Arbeiten dar. Der Boden der Kanzel soll nun erhalten bleiben.

Zwei Personen begutachten kniend einen beschädigten Steinboden vor einer Treppe in einem renovierungsbedürftigen Gebäude.

Der Steinboden bei der Kanzel wurde wiederentdeckt.  

Großer, runder Saal mit Kuppel, umlaufender Galerie, Säulen und einer zentralen Nische mit hebräischen Tafeln.

Auch in Zukunft wird der Sternenhimmel  auf der Kuppel  im Gebetsraum in Blau erstrahlen.   

Gewölbte Decke mit floralen Verzierungen und einer schwarzen Gedenktafel mit goldener Inschrift über einem Durchgang.

Auch die Eingangshalle beim Haupttor wird restauriert.  

Großer, runder Saal mit zwei Etagen, Säulen, Balustraden und sichtbaren Renovierungsarbeiten sowie Baumaterialien.

Im Gebetsraum laufen die Arbeiten auf Hochtouren.  

Was zudem nach dem Umbau an die Originalversion angelehnt sein wird, sind die Bänke im ovalen Gebetsraum – wenn auch durch Zufall. Originale Aufzeichnungen des Raumes waren ursprünglich nicht vorhanden, eine Rekonstruktion deshalb nicht möglich. Um den Platz effizienter zu nutzen, entschlossen sich Neubauer und Tschaikner geschwungene Sitzbänke zu installieren. Ein unerwarteter Archivfund bestätigte nun die Vision der Architekten: auch vor 200 Jahren wurde auf geschwungenen Bänken Platz genommen.

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