© Kurier

Chronik Wien
08/14/2012

So leben die Anwälte mit der Gefahr

Die Entführung des Wirtschaftsjuristen aus der Wiener City wirft die Frage auf: Wie schützen sich die Strafverteidiger?

von Nihad Amara

Freitag, 27. Juli, in einer Tiefgarage in der Wiener City: Zwei Männer überwältigen den 48-jährigen Wirtschaftsjuristen Erich Rebasso, zerren ihn in ein Auto. Spuren? Eine Videokamera filmt zwei Pkw beim Verlassen der Garage: Jenes von Rebasso und einen Mietwagen. In beiden klebte Blut. Und wo ist Rebasso? "Wir wissen es nicht", sagt Polizei-Sprecher Roman Hahslinger.

Die Drahtzieher könnten in Russland sein. Dafür gibt es Indizien: Jene Männer, die sich den Leihwagen ausgeborgt haben, legten russische Pässe vor. Kriminalisten versuchen derzeit in Russland zu verifizieren, wer die Passinhaber sind. Zweiter Hinweis: Rebassos intensiver Kontakt zu russischen Investoren, die ihn schon in die Zwickmühle brachten. Unter seinem Namen prellten Betrüger in Russland Dutzende Anleger. Der 48-Jährige klärte aber alles auf.

Sicherheit

Millionen-Beträge aus fragwürdigen, russischen Quellen: Rebassos Geschäfte waren "hochsensibel". Auf solche pikanten Deals haben viele Juristen in Wien gar keinen Appetit. Vor allem unter Strafverteidigern ist "Sicherheit" nicht erst seit dem Kriminalfall Rebasso ein Thema. "Bei großen Fällen kommt es immer wieder vor, dass Anwälte bedroht werden", heißt es dazu aus der Anwaltskammer.

Wie schützen sich jene, die mit der Verteidigung von Schwerverbrechern ihr Brot verdienen? Christian Werner ist quasi der Advokat des Rotlichts. Er vertritt Gürtel-Größen wie Richard Steiner, den er erst kürzlich aus der U-Haft holte. "Angst", sagt er, "hab’ ich noch nie gehabt." Drohungen gehören schon dazu. Eine Kostprobe aus einem Prozess: "Dich werd’ ich mir merken!" Werner nennt einen Kardinalsfehler vieler Kollegen: Sie versprechen ihren Mandanten das Blaue vom Himmel, um sie nicht zu verlieren. "Das sollte man vermeiden. Ich sage meinen immer die Wahrheit."

Jurist Werner Tomanek ist ein "gebranntes Kind". Im Dezember 2008 ließ ein Ex-Mitarbeiter seine Wohnung in Flammen aufgehen. "Wenn einer einmal im Gefängnis sitzt, ist schnell der Anwalt schuld", sagt Tomanek. Seine Strategie: Er bleibt ruhig, vertritt – wie er sagt – "bestimmte ethnische Gruppen" wie etwa Russen nicht und führt "anlassbezogen" eine Pistole mit. Mehrere Advokaten besitzen Waffen, einer von ihnen hat seine gar unter der Matratze verstaut. Kollege Manfred Ainedter setzt auf Technik. Er hat stets im Blick, wann Karl-Heinz Grasser seine Kanzlei betritt, denn sein Vorraum ist videoüberwacht. "Ich habe keine Angst, möchte aber wissen, wer zu mir kommt."

Emotionen

Je emotionaler der Fall, umso wüster die Drohungen. Im Inzest-Fall von Amstetten wurde Verteidiger Rudolf Mayer mit dem Umbringen bedroht. Die Kammer versucht dann aufzuklären, dass der Verteidiger die Rechte des Beschuldigten wahren muss. Wie reagiert man, wenn ein Mörder auf Freigang in der Kanzlei aufkreuzt? Peter Philipp, Verteidiger in über hundert Mordprozessen, wird selbst dann nicht mulmig. Das Ende der Geschichte: Der Mann wollte nur wissen, "Doktor, wie geht’s Ihna?"

Mehr zum Thema

  • Hintergrund

  • Hintergrund

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.