Gastromeile statt traditionellen Marktständen: Längst bekommt man am Naschmarkt zwar angesagte Menüs aus aller Welt, dafür kaum noch frisches Obst, Gemüse oder Fleisch.

© KURIER/Gilbert Novy

Wien
09/02/2014

Schnitzeljagd auf dem Naschmarkt

Trotz vier Fleischereien sucht der Kunde derzeit vergeblich nach Schweinefleisch.

von Anna-Maria Bauer

Während die Besucherzahlen am Naschmarkt jährlich steigen und die Szene-Lokale boomen, gestaltet sich der Lebensmitteleinkauf immer schwieriger. Obwohl derzeit vier Stände Fleischwaren anbieten, führt kein einziger davon Schweinefleisch.

Mit Ende August sperrte die Firma Radatz nach 15 Jahren ihre Filiale im Herzen des Marktes wegen "dramatischen Kunden- und Umsatzrückgangs" zu. Die vier verbleibenden Fleischereien bieten zwar von Lamm über Geflügel bis zu Kalb ein großes Sortiment an; da die Stände jedoch von türkischstämmigen Eigentümern geführt werden, sucht der Kunde hier Schweinefleisch vergeblich.

Neueröffnung

In rund sechs Wochen soll die Radatz-Filiale als Franchise-Unternehmen wieder eröffnen. Doch Alexander Hengl vom Marktamt (MA 59) bezweifelt, dass sich dieser Stand halten wird: "Nur weil der neue Mieter mit Fleisch anfängt, heißt das nicht, dass das so bleiben wird."

Obwohl Bioprodukte im Trend liegen, suchen die Wiener aufgrund der wirtschaftlichen Lage für den täglichen Einkauf kaum Märkte auf. "Die Menschen gehen lieber in den Supermarkt", sagt Hengl. Immer mehr Unternehmer haben deswegen Schwierigkeiten, ihre Stände zu halten. Die Firma Radatz nennt auch den Wegfall von Parkplätzen sowie die Sperre der Schleifmühlbrücke als Gründe dafür, dass sie diesen Standort nicht mehr weiterführen möchte.

Die Brüder Dursun und Erdal Taskin hindert das jedoch nicht, ihr Glück mit der Fleischerei zu versuchen. Die beiden Unternehmer führen zugleich den Italiener "La Piazetta" sowie das asiatische Lokal "Asia Time", die sich direkt neben der Radatz-Filiale befinden. Was die Anzahl der Stände betrifft, gehören sie jetzt schon zu den Big Playern am Naschmarkt.

Praline statt Fleisch

Bis vor einem halben Jahr konnte man auch im Daniel’s noch Schweinefleisch kaufen. Doch aufgrund der geringen Nachfrage entschieden sich die Eigentümer auf Pralinen umzusteigen. "Ella’s Schokoland" soll in zwei Wochen eröffnen.

Denn seit 2006 die Zuweisungseinschränkung abgeschafft wurde, gibt es keine Vorgaben mehr, welchem Sortiment sich ein Stand zu widmen hat. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Und das sind weniger Fleisch, Obst oder Eier sondern Süßigkeiten oder kleine Souvenirs. Warum sind Pralinen nachgefragter als Fleisch? "Am Naschmarkt verkauft sich das Außergewöhnliche besser als das Normale", sagt Hengl. "Das liegt beim Naschmarkt ja irgendwie schon im Namen."

(Mitarbeit: A. Löffler/A. Melzer)

Kaufen Sie am Naschmarkt?

Viola Mohaupt, Wien:„Ich komme regelmäßig extra aus dem 14. Bezirk, um bei meinen Lieblingsständen einzukaufen. Für mich ist der Naschmarkt das Wiener Wahrzeichen – mehr noch als der Stephansdom oder das Riesenrad.“
Andreas Fischbacher, Wien:„Früher hab’ ich öfter bei den Fleischereien am Naschmarkt eingekauft, aber seit sie alle geschlossen haben, geh ich in den Supermarkt. Das ist schade. Hier reizt mich nur noch der Biobauernmarkt freitags.“
Elisabeth Punzengruber-Sonntag, Wien:„Normalerweise geh ich für meine Einkäufe zum Supermarkt. Aber weil ich morgen etwas Besonderes kochen will, habe ich speziellere Zutaten vom Naschmarkt besorgt, die ich sonst nicht finde.“

Weiter Warten auf Markthalle in Wien-Mitte

Wegen des Umbaus des Bahnhofs Wien-Mitte wurde die Markthalle einst geschlossen. Seitdem ist im dritten Bezirk wenig passiert. Bereits im Frühling 2013 hätte eine neue, kleinere Halle eröffnet werden sollen. Während der Bahnhof samt Einkaufszentrum schon längst eröffnet ist, ist von der Markthalle nichts zu sehen.

1,4 Millionen Euro wären laut Projektleiter Franz Zinggl notwendig – einen Investor hat er aber bis dato nicht gefunden. Der Eigentümer, Bauträger BAI, wird langsam ungeduldig. „Bisher wurde das Areal freigehalten. Wenn sich kein Investor findet, werden wir es anderweitig vergeben“, heißt es aus der BAI.