Rolltreppen-Attacke in Wien: "Da habe ich ihnen Watschen gegeben"

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Unter dem Einfluss einer akuten Psychose attackierte ein Mann Zufallsopfer im öffentlichen Raum. Das Gericht ordnet eine Unterbringung in einem forensisch-therapeutischen Zentrum an.

Die Frau in der hellblauen Winterjacke fährt mit der Rolltreppe nach unten in Richtung U3-Zieglergasse. Etwa fünfzehn Meter vor ihr steht ein junger Mann. Plötzlich dreht er sich um, sprintet die Rolltreppe hinauf auf sie zu, schlägt sie mit ausgestrecktem Arm zu Boden und rennt davon. Die Frau knallt mit dem Hinterkopf auf die Metallstufen und bleibt mit einer Rissquetschwunde liegen. Die Rolltreppe fährt unbeirrt weiter. 

Der Mann, der die ihm unbekannte Frau im Oktober 2025 attackiert hatte, sitzt am Mittwochvormittag vor Gericht. Der Kontrast zu dem eben gezeigten Überwachungsvideo könnte kaum größer sein. Jeglicher Antrieb, den er auf den Bildern noch zu haben schien, ist verschwunden. Er sitzt zusammengesunken im grauen Jogginganzug vor dem Schöffengericht, seine Antworten sind so leise, dass sie kaum zu verstehen sind.

An der Schuld des in Tirol aufgewachsenen türkischen Staatsbürgers besteht kein Zweifel. An diesem Tag geht es um die Frage, ob der 30-Jährige in einem forensisch-therapeutischen Zentrum untergebracht werden soll. Der Mann leidet nämlich seit Jahren unter paranoider Schizophrenie.

"Habe gedacht, sie denkt etwas Falsches"

Unter dem Einfluss dieser Erkrankung und exzessiven Cannabiskonsums beging der dreimal einschlägig vorbestrafte Mann im vergangenen Jahr mehrere Taten, die nur durch glückliche Zufälle für die Opfer relativ glimpflich ausgegangen sind. Zum Zeitpunkt der Taten war er nicht zurechnungsfähig.

Am 3. Oktober 2025 fiel der Angeklagte im Floridsdorfer André-Heller-Park einem Mann auf, da er trotz Radfahrverbot mit einem Fahrrad im Park unterwegs war und im Vorbeifahren eine ältere Dame gestreift hatte. Der Zeuge hielt den Mann auf und machte für eine polizeiliche Anzeige ein Foto von ihm, da sich der Radfahrer unkooperativ zeigte. „Und da hat er mir schon mit der Faust ziemlich kräftig mehrfach ins Gesicht geschlagen. Als ich am Boden gelegen bin, hat er noch auf mich hingetreten und meine Kamera kaputtgemacht“, erinnert sich der 60-Jährige vor Gericht. Als der Angeklagte von ihm abließ, setzte sich der Mann benommen auf eine nahe Parkbank. „Und auf einmal ist er von hinten gekommen und hat mir mit einer Holzlatte gegen den Kopf geschlagen.“

Knapp zwei Wochen später, am 16. Oktober ereignete sich der Vorfall auf der Rolltreppe in der U-Bahn-Station Zieglergasse. „Ich habe gedacht, sie denkt etwas Falsches über mich“, versucht der Angeklagte, seine Tat zu erklären. Am selben Tag attackierte er aber noch zwei andere Frauen auf der Mariahilfer Straße. „Ich habe gedacht, sie haben mich angestänkert, da habe ich ihnen Watschen gegeben.“

Zwei Männer nahmen die Verfolgung des Flüchtenden auf. Die gipfelte schließlich darin, dass er einem der Männer mit einem Messer in den Oberschenkel stach. Glücklicherweise blieb es auch hier bei einer leichten Verletzung. Ein Dritter rief die Polizei, die den Mann schließlich festnehmen konnte.

„Wahrnehmung gestört“

„Wenn sie das so sagen, dann stimmt es“, sagt der Angeklagte tonlos, als die Richterin ihn mit den Aussagen der Zeugen konfrontiert. „Ich entschuldige mich sehr. Ich habe zu viel Cannabis geraucht.“ Wie es ihm mit seiner aktuellen Medikation gehe? „Es ist besser. Die blöden Gedanken gehen weg.“

Das seien nur Lippenbekenntnisse, hält Psychiaterin Sigrun Roßmanith in ihrem Gutachten fest. Der Mann habe bisher weder das Ausmaß seiner Tat noch seiner schwerwiegenden Erkrankung begriffen. „Sein Denken ist nicht gestört, aber seine Wahrnehmung.“

So sei auch zu erklären, dass er sich etwa von der Frau auf der Rolltreppe angegriffen gefühlt habe. „Unabhängig davon, wie weit sie von ihm entfernt steht, er hört, dass sie ihn beschimpft.“ Denn die Stimmen, die er in seiner akuten Psychose höre, würden nicht als innere, sondern als von außen kommende wahrgenommen. Besonders von Frauen fühle sich der Angeklagte in seiner Männlichkeit bedroht. Der starke Cannabiskonsum – rund 10 Gramm täglich – habe dazu beigetragen, den paranoiden Wahn zu verstärken. Werde er entlassen, seien in naher Zukunft Tathandlungen mit schweren Folgen für Zufallsopfer zu erwarten. „Es kümmert psychotisch Kranke überhaupt nicht, wie schwer verletzt der Andere ist. Es geht ums eigene Überleben, weil er sich akut bedroht fühlt“, sagt Roßmanith.

Nach kurzer Besprechung steht die Entscheidung fest: Der Mann wird in ein forensisch-therapeutisches Zentrum eingewiesen. Die Entscheidung ist bereits rechtskräftig.

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