Ringumbau: Wo Experten dringend nachjustieren würden

Der Ringumbau wird als richtiger Schritt bewertet. Verbesserungsbedarf gibt es aber genug.
Schwarzenbergplatz in Wien.

Mit einer sichtbaren Aktion hat die Wiener Initiative „Geht doch“ am Wiener Parkring für Aufsehen gesorgt. Vor dem Gartenbaukino wurde ein Fußgängerübergang zum Stadtpark hin ausgerollt – und zwar direkt über den Ring, der dafür gesperrt wurde. Die Initiative macht damit auf ihre Forderung nach mehr echten Ringquerungen aufmerksam. 

Hannah Schwarz vor einem ausgerollten Pop-up-Zebrastreifen am Ring in Wien.

Hannah Schwarz vor einem ausgerollten Pop-up-Zebrastreifen am Ring in Wien.

Die Aktion fand auch bei jenen großen Anklang, die nur zufällig vorbeigekommen sind. Und es ist der Ring, dem ein großer Umbau bevorsteht – in mehreren Etappen soll der Prachtboulevard für Fußgänger und Radfahrer sicherer gemacht werden. Auch ein paar Parkplätze in den Nebenfahrbahnen werden dafür aufgelassen. 

Dass alles, was kommt, zumindest nötig ist, darüber waren sich Expertinnen und Experten am Montagabend bei einer Podiumsdiskussion im Gartenbaukino einig. 

"Niemand fühlt sich wohl"

„Derzeit fühlt sich dort niemand wohl“, ist Matthias Nagler, Verkehrsexperte des ÖAMTC, überzeugt, „es gibt so viele Konfliktbereiche.“ Dass diese nun durch die vorliegenden Pläne reduziert werden, auch darüber stimmt man überein. 

von links: Harald Frey; TU Wien Institut f Verkehrswissenschaften + Sprecher Walk-Space,  Matthias Nagler; Verkehrsexperte, Petra Jens, Fußgängerbeauftragte der Stadt Wien, Moderation: Andreas Lindinger; Cityorganiser Janes Walk Vienna, Cornelia Dlabaja, Stiftungsprofessur nachhaltige Stadt- & Tourismusforschung, FHWien & Cityorganiser Janes Walk Vienna, Julia Girardi-Hoog, Leitung Gender Planning; Stadtbaudirektion der Stadt Wien

von links: Harald Frey; TU Wien Institut für Verkehrswissenschaften + Sprecher Walk-Space, Matthias Nagler; Verkehrsexperte, Petra Jens, Fußgängerbeauftragte der Stadt Wien, Moderation: Andreas Lindinger; Cityorganiser Janes Walk Vienna, Cornelia Dlabaja, Stiftungsprofessur nachhaltige Stadt- & Tourismusforschung, FHWien & Cityorganiser Janes Walk Vienna, Julia Girardi-Hoog, Leitung Gender Planning; Stadtbaudirektion der Stadt Wien

„Es ist ein richtiger und notwendiger Schritt“, legt sich Harald Frey vom Institut für Verkehrswissenschaften der TU Wien fest. 

Von einem großen Wurf will er aber nicht sprechen. Aber dass viele Konflikte entflochten werden – etwa zwischen Radfahrern und Fußgängern, oder zwischen den Nutzern der Öffis bei den Haltestellen –, räumt er ein. 

Verbesserung für Fußgänger

Vor allem den Aspekt der Verbesserung für Fußgänger sieht Petra Jens, die Fußgängerbeauftragte der Stadt Wien, dadurch erfüllt. 

Sie ist sicher, dass die „Geh-Allee“ unter den Bäumen den Wienerinnen und Wiener und den Touristinnen und Touristen gute Dienste leisten wird. 

Was die Querungen und weiter bestehenden Konflikte zwischen Radfahrern und Fußgängern betrifft, setzt sie große Stücke auf sogenannte „Linsen“ und Rüttelstreifen in Kreuzungsbereichen. 

"Linsen" und Rüttelstreifen gegen rasende Radler

„Das macht Radfahrer langsamer“, ist sie überzeugt. Das kann Julia Girardi-Hoog, Leiterin „Gender Planning“ in der Stadtbaudirektion, nur unterstreichen: „Experimentieren ist gut, wenn es nicht funktioniert, muss man kontrollieren.“ 

Sie weiß, dass Fußgänger immer den kürzesten Weg suchen, „egal, was geplant war“. So werde sich auch zeigen, ob die Planung bedürfnisorientiert erfolgt ist.

Von den „Linsen“ wenig überzeugt ist der Planer von der TU: „Infrastruktur muss gut lesbar sein.“ Worüber sich wiederum alle einig sind: Es bedarf einer grundsätzlichen Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer aufeinander und vor allem auf die Schwächsten. Und das sind nun einmal die Fußgänger. 

Kritikpunkte der Experten

Aber es gibt nicht nur Lob für die Pläne, und es gibt auch nicht nur rosige Aussichten. Frey sieht einen wichtigen Knackpunkt: Nämlich den Wechseln der Radhauptroute beim Schwarzenbergplatz auf die andere Seite. 

„Da haben wir jetzt schon ein großes Problem, das muss man sich anschauen, ob man das nicht besser lösen kann", appelliert der Experte an die Stadt. 

"Schwedenplatz fehlt bei Planungen"

Und Cornelia Dlabaja, Leiterin der Stiftungsprofessur nachhaltige Stadt- & Tourismusforschung an der FH Wien, bringt einen weiteren Knackpunkt ein: den Schwedenplatz. „Den Ringumbau müssen wir feiern, aber der wichtige Teil, der Schwedenplatz, fehlt.“ 

Das sei vor allem aus Sicht der Tourismusforscherin  wichtig: Schließlich würden gerade dort die Touristenmassen von den Kreuzfahrtschiffen in die Stadt strömen und für große Probleme sorgen. Die Pläne für den Schwedenplatz wurden allerdings als Kostengründen verschoben. 

Gürtel müsse auch angeschaut werden

Dlabaja holt noch weiter aus: „Der Ring ist wichtig, aber am Gürtel wurde schon 2006, als ich studiert habe, über einen Umbau geredet. Wir gehen Sachen mit einem Schneckentempo an.“ 

Das zeige sich auch am Schwarzenbergplatz, einem der versiegeltsten Plätze der Stadt, geht auch sie auf diese neuralgische Stelle ein. 

Denn auch dem Klimawandel und der immer größer werdenden Hitze müsse bei der Stadtplanung mehr Bedeutung zugemessen werden. 

Mehr Fußgängerzonen möglich?

Und Frey stellt Bezug nehmend auf Dlabaja eine Reglementierung der Touristenströme auch für Wien zur Diskussion und macht eine weitere Debatte auf: „Wien könnte im Vergleich zu anderen Städten die doppelte Fläche an Fußgängerzonen vertragen.“

Und wissend, dass künftig weniger Geld zur Verfügung stehen werde, appellieren Frey, Jens, Girardi-Hoog und Dlabaja an die Zivilgesellschaft, sich zu engagieren und Maßnahmen einzufordern. Frey: „Wir dürfen nicht warten, was von oben kommt. Wir bestimmen, wie wir den Raum nutzen. Holen wir uns den öffentlichen Raum zurück.“

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