Psychotherapie-Angebote in Wien: Eklatante Unterschiede in Bezirken
Bei der Anzahl von psychischen Gesundheitsdienstleistungen – etwa Psychotherapeuten oder Psychologen – gibt es große Unterschiede bei den einzelnen Bezirken. Das geht aus den Ergebnissen des Projekts „Streamline“ der MedUni Wien hervor.
Dabei wurden verfügbare Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen in Wien systematisch erhoben. Die insgesamt circa 370 Organisationen und 7.000 individuellen Leistungsanbieter wurden anschließend „gemapped“, sagt Projektleiterin Judit Simon, Professorin für Gesundheitsökonomie.
Generell gilt: In den innerstädtischen Bezirken ist die Versorgung deutlich besser als in den äußeren Bezirken. In absoluten Zahlen gibt es die meisten Angebote am Alsergrund, während es in Simmering die wenigsten sind, insgesamt besteht zwischen den beiden Bezirken ein 9-facher Unterschied.
Noch weiter geht die Schere auseinander, wenn man einen Blick auf die Dichte der Einzelanbieter wirft und die Anzahl mit der Größe der jeweiligen Bezirke in Relation setzt.
Am Alsergrund ist die Dichte 25 Mal höher als in Simmering, vergleicht man den 11. Bezirk mit dem 1. Bezirk wird es noch deutlicher: Die Dichte in der Inneren Stadt ist 50 Mal höher.
„Anbieter bevorzugen Gebiete mit guter Erreichbarkeit“, erklärt Simon die unterschiedliche Verteilung. „Insbesondere bei der Dichteverteilung zeigt sich eine starke Präferenz für wohlhabendere Bezirke, beispielsweise auch für die Bezirke Hietzing oder Währing.“ Die dahinterliegenden wirtschaftlichen Erwägungen liegen auf der Hand, schließlich arbeiten 85 Prozent der Fachärzte als Wahlärzte, ein großer Teil der Kosten direkt auf die Patienten entfällt.
Dominanz von Privaten
„Die Dominanz von privaten Gesundheitsanbietern und deren größere Konzentration in wohlhabenderen Bezirken spiegelt nicht den Bedarf wider und weist auf sozioökonomische Zugangsbarrieren, besonders in den Außenbezirken, hin“, sagt Simon. Das gute öffentliche Verkehrsnetz in Wien, mit dem man auch andere Bezirke gut erreichen kann, schafft nur bedingt Abhilfe.
Die Nutzung der Öffis sei für Menschen mit bestimmten psychischen Problemen außerhalb ihres Wohnortes oft komplex, so Simon. Dazu kämen die steigenden Kosten für Tickets. Für bestimmte Gruppen wie Alleinerziehende oder Menschen mit weniger flexiblen Arbeitsbedingungen gäbe es noch weitere wesentliche Zugangsbarrieren und die zusätzliche zeitliche Belastung für Angehörige und Familien, die oft auch involviert sind, dürfe man auch nicht vernachlässigen.
Psychopharmaka-Konsum
Die Ungleichverteilung hat konkrete Auswirkungen: In der Studie kam heraus, dass in Österreich der Psychopharmaka-Konsum mit der Anzahl der praktizierenden Fachärzte in einem Bezirk zunehme, während gleichzeitig die Dauer der Krankenhausaufenthalte aufgrund psychischer Probleme abnimmt. „Das führt zu einer deutlichen Verlagerung hin zu einer allgemein wünschenswerteren und kostengünstigeren ambulanten Versorgung“, erläutert Simon.
Defizite gibt es vor allem im Kinder- und Jugendbereich. Zwischen 2018 und 2023 ist in dieser Altersgruppe der Konsum von Psychopharmaka um etwa 30 Prozent gestiegen. In Wien bieten aber nur 20 Prozent der in der Studie identifizierten Organisationen psychische Gesundheitsdienstleistungen für Kinder und Jugendliche an. Bei einzelnen Anbietern ist dieses Angebot sogar noch geringer.
Empfehlungen
Die Studienautoren von „Streamline“ bemängeln hauptsächlich die Koordination. Zuständigkeiten sind über verschiedene Sektoren wie Gesundheit, Soziales, Bildung und Justiz verteilt, zusätzlich existieren parallele Finanzierungsstrukturen von Stadt und Sozialversicherungen. Das führe zu Doppelgleisigkeiten, Unklarheiten und Versorgungslücken.
Finanzierung
Das Projekt „Streamline“ wurde 2023 gestartet und vom Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds finanziert.
Ausgangslage
Fast jeder fünfte Österreicher leidet an psychischen Problemen, viele mit zusätzlichen körperlichen Beschwerden. Diesen komplexen Behandlungsbedarf abzudecken, ist eine Herausforderung für das Gesundheitssystem.
Zielsetzung
Die Veröffentlichung eines international vergleichbaren Katalogs an Gesundheitsleistungen für psychisch Erkrankte in Wien soll zur nachhaltigen Gestaltung und Finanzierung des österreichischen Gesundheitssystems beitragen. Wissensbasiert soll über die Verwendung begrenzter finanzieller Mittel entschieden werden können, um Patienten die bestmögliche Behandlung zu gewährleisten.
Die Experten empfehlen daher eine stärkere Abstimmung und transparente Definition von Leistungen, inklusive einer realistischen Erfassung ihrer tatsächlichen Kosten. Ein zentrales Problem sei auch die Orientierung für Betroffene. Öffentliche Informationen zu Angeboten seien oft unvollständig oder veraltet, der Zugang zum passenden Angebot bleibe kompliziert. Abhilfe schaffen könnte ein zentraler, leicht zugänglicher Informations- und Beratungsdienst, der sektorübergreifend über aktuelle Leistungen informiert und beim Zugang unterstütz – ein sogenannter „One-Stop-Shop“.
Zudem zeigt sich ein deutlicher Ausbaubedarf bei Angeboten für bestimmte Zielgruppen wie Kinder, Jugendliche oder ältere Menschen. Diese sollten künftig integrierter geplant und finanziert werden. Regionale Ungleichheiten könne man mit finanziellen Anreizen gegensteuern.
Kommentare