Chronik | Wien
21.08.2017

Prostitution: Auf Streife am illegalen Straßenstrich

Der KURIER begleitete zwei Polizisten, um Mythen und Realität im Stuwerviertel zu durchleuchten.

Das Stuwerviertel im zweiten Wiener Gemeindebezirk ist seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts die Amüsiermeile der Bundeshauptstadt. Erst kürzlich geriet die Gegend wieder medial ins rote Rampenlicht: Angeblich würden dort Kinder und Jugendliche auf den Strich gehen und generell sei die im Wohngebiet verbotene Straßenprostitution wieder auf dem Vormarsch. Der KURIER war mit zwei Undercover-Cops auf Streife, um diesen Behauptungen auf den Grund zu gehen.

Gerold T. und Christopher N. sind fast täglich in zivil auf den Straßen im Stuwerviertel unterwegs. Natürlich würde es immer wieder Aufgriffe von Sexarbeiterinnen geben, Jugendliche oder gar Kinder, die sexuelle Leistungen verkaufen, seien aber nur sehr selten dabei: "Das können wir an den Personalien feststellen. Manche Damen sind vielleicht gerade erst 18 geworden, aber von einem Babystrich zu sprechen, ist falsch", erklärt Kommissär Gerold T.

Außerdem würden die Polizisten auch von den Prostituierten selbst davon erfahren: "Wir haben ein gutes Einvernehmen mit vielen Damen . Schließlich kennt man sich mit der Zeit. Einige haben selbst Kinder und würden es daher sofort melden, wenn Minderjährige unterwegs wären."

24 Stunden"Betrieb"

Der Zeitpunkt, an dem die Polizisten die Streife starten, scheint mit 16 Uhr recht früh gewählt. Bis 00.30 Uhr werden die Beamten unterwegs sein. Die Straßenprostitution ist aber nicht auf die Nacht beschränkt: "Männer die verheiratet sind oder eine Familie haben, können nicht um Mitternacht hier herkommen. Daher ist den ganzen Tag etwas los". Auf der Streife achten die Polizisten vor allem auf Frauen, die sich mit Männern in Autos unterhalten. Schon die Anbahnung der Straßenprostitution kann mit bis zu 800 Euro für die Frauen und 500 Euro für die Freier bestraft werden. Viel Geld im Vergleich dazu, was die Prostituierten für ihre Dienste verlangen. Laut den Polizisten kostet die sexuelle Befriedigung im Auto 20 bis 50 Euro. Da im Stuwerviertel einige Rotlicht-Etablissements angesiedelt sind, wohnen viele Sexarbeiterinnen in der Gegend: "Manchmal machen wir Identitätsfeststellungen bei Frauen, die gerade nur auf dem Weg zum Einkaufen sind. So etwas passiert eben", sagt Gerold T.

Auf der Streife, die der KURIER begleitete, wurde lediglich eine Anbahnung beobachtet. Mehr als drei bis vier Prostituierte werden aber am Tag nicht aufgegriffen. Österreicherinnen sind dabei die Ausnahme. "Je nachdem was den Frauen nach dem Aufgriff vorgeworfen wird, kommen sie mit auf die Polizeiinspektion. Im Winter sind sie manchmal sogar froh, ins Warme zu dürfen." Die Polizisten verteilen auch Infoblätter der Interventionsstelle für Betroffene von Frauenhandel. Der Mythos der florierenden Prostitution im Stuwerviertel, ist laut Polizei jedenfalls schlichtweg falsch: "Mit dem Straßenstrich wie er früher war, ist die Situation nicht zu vergleichen."

Alte Geschichte, neue Regeln

Durch die Nähe zum Wiener Prater zieht das Stuwerviertel in Wien-Leopoldstadt schon lange Gestalten des Rotlichtmilieus an. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gilt die Gegend als Sündenmeile. Das hat sich in die Köpfe der Bevölkerung eingebrannt – auch das wienweite Verbot der Straßenprostitution im Wohngebiet änderte nichts an der Wahrnehmung der Gegend. Das dementsprechende Gesetz trat bereits 2011 in Kraft.

Seitdem gibt es aber festgelegte Areale, wo es erlaubt ist weiterhin "auf den Strich zu gehen". Wien ist damit eine Ausnahme. In allen anderen Bundesländern ist die Anbahnung von Prostitution verboten. Überhaupt hat jedes Bundesland seine eigenen Gesetze, wenn es um Prostitution geht.

Sexarbeit in Clubs ist in Wien legal, wenn auch an strenge Auflagen gebunden. So müssen Sexarbeiterinnen alles sechs Wochen eine amtsärztliche Untersuchung durchführen lassen. Mindestens alle drei Monate ist ein Aidstest vorgeschrieben.