Chronik | Wien
25.06.2018

Profiboxer erstach in U-Bahn-Station Angreifer

Mordprozess: Es ging um eine Frau, die Zigaretten schnorren wollte / War es Notwehr?

Bei seinem Debüt als Profiboxer 2016 in Hamburg gewann er den Kampf in der zweiten Runde durch k. o. Bei einer Auseinandersetzung mit drei Serben in der Nacht auf den 1. Oktober 2017 in der U-Bahn-Station Thaliastraße in Wien-Ottakring verließ sich Deni Gajrabekov, Kampfname „The Hunter“, nicht auf seine Fäuste. Er zog ein Klappmesser aus der Hosentasche und tötete einen der Männer mit acht Stichen, dessen Begleiter fügte er fünf – nicht tödliche – Messerstiche zu.

Gewaltbereitschaft

Am Montag stand der 22-Jährige wegen Mordes und Mordversuch vor Wiener Geschworenen. „Niemand, der ein Messer einsteckt, ist an einer friedlichen Lösung interessiert“, sagt die Staatsanwältin und attestiert dem seit zehn Jahren in Österreich lebenden Tschetschenen eine „unermessliche Gewaltbereitschaft.“

Der von Anwalt Rudolf Mayer verteidigte Angeklagte macht jedoch Notwehr geltend. „Die waren so riesig und stark“, sagt Gajrabekov über den später erstochenen 21-jährigen Serben, der 1,92 m groß war und 90 kg wog, und dessen Freund. Der Angeklagte selbst ist 1,72 m groß und hat ein Kampfgewicht von 66 kg.

„Ich habe alles geschluckt, weil ich wusste, wenn ich was mache, gibt es Probleme“, berichtet er von den Angriffen der anderen Gruppe auf dem Bahnsteig. Ausgelöst hatte den Streit die Begleiterin von Gajrabekov und seinem 27-jährigen Freund, die sie kurz zuvor kennengelernt hatten. Sie schnorrte die Serben um eine Zigarette an, bekam eine Abfuhr, dann wurde schon geschimpft, schließlich artete die Auseinandersetzung aus. „Was schaust du?“, habe der eine seinen mitangeklagten Freund angefahren und ihn mit einem Faustschlag zu Boden gestreckt. Dass die Aggression von dieser Gruppe ausgegangen ist, sieht man auch auf einem Video der Überwachungskamera der Wiener Linien.

Als man ihn selbst gegen die Wand drängte und ihm Schläge auf den Hinterkopf verpasst habe, habe er sein Messer aufgeklappt und sich gewehrt, erklärte Gajrabekov. Sein Freund ist mitangeklagt, weil er in Richtung Kopf des sterbenden 21-Jährigen getreten haben soll.

Zigarette geschnorrt

„Können Sie sich als Boxer nicht anders aus der Situation befreien?“, will die Richterin wissen. „Ich dachte: Wenn ich ihn nicht richtig erwische und er nicht umfällt, wird er mich umbringen“, lautet die Antwort. Im April 2017 beendete er seine Sportler-Karriere und boxt jetzt nur noch als Hobby. Zuletzt arbeitete er in einem Supermarkt an der Kassa, musste diesen Job wegen Kreuzschmerzen vom Sitzen aber aufgeben.

Die Urteile standen aus.

ricardo peyerl