Chronik | Wien
19.04.2012

Praxis eines Arztes behördlich gesperrt

Ein Wiener Arzt steht im Verdacht, die Karlsplatz-Szene mit Ersatzdrogen versorgt zu haben. Er fühlt sich hingegen als Opfer.

Er ist ein hochdekorierter Arzt. Er war angeblich Primarius eines Ordensspitals und hat mehrere Diplome der Österreichischen Ärztekammer, unter anderen wegen seiner Substitutionsbehandlungen. „350 Drogenabhängige sind bei mir in Behandlung", erklärt er im KURIER-Gespräch. Oder besser: Sie waren in Behandlung. Denn zurzeit ist seine Praxis vom Magistrat behördlich geschlossen.

Das Landeskriminalamt Wien vermutet ihn als Beteiligten eines schwunghaften Handels mit psychotropen Stoffen. Der honorige Doktor soll entsprechende Rezepte an nicht berechtigte Drogensüchtige weitergegeben haben. Diese missbrauchten die Medikamente, lösen sie teilweise in Flüssigkeit auf und spritzen sie sich, um einen ähnlichen Kick wie bei Heroin zu bekommen.

In der Praxis des Arztes, die an einer Wiener Einkaufsstraße liegt, wurden bei einer Razzia vor einigen Wochen knapp 2500 Tabletten sichergestellt. Außerdem nahm die Polizei 51 eCards mit. Mit diesen soll der Primar Leistungen verrechnet haben, die nie erbracht wurden. Die Gebietskrankenkasse spricht von 120.000 Euro Schaden.

Der Verdächtige soll die Ersatzdrogen auf eigentlich berechtigte Konsumenten gebucht haben. Laut Gebietskrankenkasse läuft bereits seit 2007 ein Kündigungsverfahren gegen ihn, unter anderem weil seine Ordinationshilfen illegal Rezepte ausgestellt haben sollen.

Deal beobachtet

Ins Rollen gekommen war die ganze Sache, als im vergangenen Dezember am Wiener Karlsplatz der 27-jährige polizeibekannte Patrick B. beim Verkauf von Tabletten an einen 28-jährigen Abnehmer von einer aufmerksamen Polizeistreife beobachtet und angehalten wurde. In einem Schließfach fanden sich weitere Ersatzdrogen. Bei einer Hausdurchsuchung bei Patrick B. wurde schließlich auch der selbst gefertigte Stempel jener Arztpraxis sichergestellt, die mittlerweile geschlossen wurde.

"eCards vergessen"

Der Mediziner wehrt sich heftig gegen die Vorwürfe und sieht sich als Opfer: „Wir haben immer alles korrekt abgerechnet. Ich habe 100 Patienten am Tag, so etwas habe ich gar nicht notwendig, auch wenn ich meine Steuern zahlen muss", erklärt der Primar. Er will sich mit seinem Rechtsanwalt gegen derartige Vorwürfe wehren. Dass so viele eCards bei ihm lagen, erklärt er folgendermaßen: „Das sind Drogensüchtige, die verlieren sie eben, vergessen sie oder haben sie einfach dagelassen."

Die vielen Tabletten sind laut Polizei vor allem Probeexemplare von Pharmafirmen. Der Mediziner wurde wegen Betrugsverdacht und mehreren Vergehen gegen das Suchtmittelgesetz angezeigt.

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