"Man ist da – und das reicht": Wie ein Anruf gegen Einsamkeit hilft
Laut einer aktuellen Analyse des Sozialministeriums fühlen sich in Österreich rund 28 Prozent zumindest gelegentlich einsam.
Von Johanna Worel
Das Handy klingelt. Ingrid hebt ab. Wer dran ist, weiß sie nicht. Nur so viel: Jemand möchte reden. „Manchmal geht es um schöne Erlebnisse wie Konzerte, manchmal um schwierige Familiensituationen“, sagt die 65-Jährige.
Seit drei Jahren ist Ingrid freiwillige Plauderpatin beim Caritas-„Plaudernetz“. Dabei handelt es sich um ein anonymes, kostenloses Telefonangebot, bei dem Freiwillige Gespräche mit Menschen führen, die einfach reden möchten – oft, weil ihnen soziale Kontakte fehlen. Seit dem Start im Sommer 2020 wurden mehr als 75.000 Gespräche vermittelt, allein im vergangenen Jahr rund 15.000. Mehr als 4.000 Freiwillige engagieren sich mittlerweile – rund zwei Drittel davon in Wien.
Eine „Plaudergruppe“ mit Leiterin Verena Mayrhofer-Iljic (r).
Was am Ende der Leitung passiert, ist oft überraschend persönlich. „Viele reden mit Fremden offener – gerade weil sie anonym bleiben.“ Für die Dauer eines Gesprächs entsteht etwas, das sie als „fast anonyme Freundschaft“ beschreibt.
Keine Statistiken
„Es ist ein gutes Gefühl, für jemanden da zu sein. Und ich spreche mit Menschen, die ich sonst nie kennenlernen würde.“ Wer anruft, wird nicht erfasst. Es gibt keine konkreten Statistiken zu Alter, Herkunft oder Lebenssituation – nur Eindrücke aus den Gesprächen. Und doch zeigt sich ein Muster: „Die Einsamkeit schwingt immer irgendwo mit“, sagt Projektleiterin Flora Gall.
Besonders häufig melden sich ältere Menschen, viele über 60. Oft fehlt es an sozialen Kontakten – und nicht selten auch am Geld. Laut einer Studie der Caritas gab ein Drittel der Befragten an, wegen der Teuerung weniger am sozialen Leben teilzunehmen – kein Kaffeehaus, kein Kino, keine gemeinsamen kostenpflichtigen Aktivitäten.
28 Prozent sind einsam
Einsamkeit sei selten nur ein Gefühl, sondern oft auch eine Folge von Lebensumständen. Das bestätigt auch eine Analyse des Sozialministeriums: Rund 28 Prozent der Menschen in Österreich fühlen sich zumindest gelegentlich einsam. Für Gall ist wichtig, das Thema anders zu denken: „Einsamkeit bedeutet kein individuelles Versagen. Jeder Mensch fühlt sich einmal einsam – so ist das Leben.“
Gleichzeitig empfinden 61 Prozent das Thema laut Studie als tabuisiert. Doch nicht alle suchen Hilfe am Telefon. Manche kommen vorbei – etwa ins Nachbarschaftszentrum des Wiener Hilfswerks in Ottakring. Hier wird Deutsch gelernt, Kaffee getrunken oder einfach geredet. Ohne Anmeldung, ohne Kosten, ohne Verpflichtung. „Viele sagen nicht direkt, dass sie einsam sind“, erzählt Leiterin Verena Mayrhofer-Iljic. „Aber in den Gesprächen kommt es dann irgendwann.“ Gerade für Menschen, die neu in Wien sind, sei das Zentrum oft ein erster Anker. „Sie kommen vielleicht wegen eines Deutschkurses – und finden nebenbei Anschluss.“
Doch nicht immer reicht ein Plaudernetz-Anruf aus. Wenn Einsamkeit tiefer geht – wenn sie mit Angst, Krankheit oder existenziellen Sorgen einhergeht – landet sie oft bei der Telefonseelsorge. Die Telefonseelsorge ist eine Kriseneinrichtung. „Wir können nicht die besten Freunde ersetzen“, heißt es dort. Was möglich ist: zuhören, stabilisieren – und Menschen ermutigen, wieder reale Kontakte aufzubauen. Ein Telefonat kann helfen – muss aber nicht. Oder, wie Plauderpatin Ingrid sagt: „Man hilft vielleicht nicht immer. Aber man ist da. Und manchmal reicht genau das.“
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