Jonas und sein Buch ...

© Kurier/Juerg Christandl

Papa verzweifelt gesucht
11/22/2015

"Papa, bitte melden!"

Der zehnjährige Jonas Kaurek möchte, dass sich sein Papa endlich um ihn kümmert. Deswegen hat er ein Buch für seinen Vater geschrieben.

von Ida Metzger

Das Zimmer von Jonas präsentiert sich als absoluter Bubentraum. Star-Wars-Legomodelle stapeln sich bis zum Abwinken, dazu kommen iPad, Handy, Golfschläger, Jiu-Jitsu-Kampfoutfit. Auf 15 Quadratmetern findet sich alles, was ein Kind von heute begehrt. In der Schule ist Jonas ein kleines Superhirn. Der Musterschüler versucht gerade zwei Klassen – die vierte und fünfte Schulstufe – gleichzeitig zu absolvieren. Alles Zutaten für eine unbeschwerte Kindheit, könnte man meinen. Mitnichten. Jonas verspürt seit Jahren eine große Leere.

Es fehlt ihm sein Vater.

Der Bub kennt seinen Papa zwar, sieht ihn aber nur zwei bis drei Mal im Jahr. Mehr nicht. Das jüngste Treffen fand am 30. August statt, um in der Shopping City gemeinsam ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Nein, nicht die Mutter steckt hinter dieser Kontakt-Blockade. Obwohl Jonas ein Vorzeigekind ist, wollte der Vater bis dato seine Paparolle partout nicht übernehmen. Das Warum kennt Jonas nicht. "Wenn ich meinen Papa sehe, bin ich zu ängstlich, um ihn nach dem Grund zu fragen", meint Jonas zum KURIER. Auch seiner Mutter hat der clevere Volksschüler die Frage nach dem Grund noch nie gestellt. Für Jonas ist sein Vater ein "kniffliges" Rätsel. "Obwohl ich Rätsel mag, aber dieses kann ich seit zehn Jahren nicht lösen", beschreibt der Schüler die schwierige Beziehung.

Ausgeschlossen

Jetzt, wo Jonas zehn ist, hat er genug von dem großen Unbekannten in seinem Leben – und greift zu einer ungewöhnlichen Methode, seine Wut zum Ausdruck zu bringen. Der Zehnjährige aus Niederösterreich hat ein Buch (Jetzt bin ich zehn – Ein Junge schreibt seinem Vater einen 120 Seiten langen Brief. Erschienen in der edition a um 16,99 Euro ) geschrieben, das an den Vater gerichtet ist. Warum, erklärt Jonas im Interview: "Ich will meinem Vater klar machen, wie das Leben ohne ihn für mich ist. Ich dachte, durch das Buch kann er mein Leben kennen lernen. Auch, wie ich über Themen wie die Flüchtlingskrise denke. Vielleicht macht ihn das neugierig und es ändert etwas in unserer Beziehung." Jonas schreibt über sein Leben ohne Papa, seine Ängste, seine Probleme mit Mitschülern, über seine Hobbys.

Hohe, unerfüllbare Ansprüche stellt Jonas an seinen Vater nicht. "Ich würde mich schon freuen, wenn er ein Mal pro Woche Zeit hätte." Kaum ist der Satz fertig gesprochen, korrigiert sich Jonas selbst. "Mit alle zwei Wochen wäre ich auch zufrieden. So von zehn bis 23 Uhr," schraubt der Volksschüler seinen Traum vom Papa-Tag runter. Vielleicht aus Angst, dass sich der Vater überfordert fühlt, wenn er plötzlich ein Mal pro Woche Zeit für seinen Sohn opfern soll.

In welchen Momenten fehlt die Vaterfigur Jonas am meisten? "Eigentlich jeden Tag. Aber wenn die Kinder in der Schule über ihre Väter sprechen, fühle ich mich ausgeschlossen, weil ich nichts zur Diskussion beitragen kann."

Der Zehnjährige ist überzeugt, dass Kinder beide Elternteile brauchen, um erwachsen zu werden. Und der altkluge Jonas liefert gleich eine berührende Begründung mit: "Mutter und Vater sind die beiden Wurzeln, die den Baumstamm der Familie aufrecht halten. Jeder Baum, der kräftig werden soll, braucht starke Wurzeln."

300.000 Ein-Eltern-Familien

Das Ein-Eltern-Modell, wie es Jonas erlebt, hat in Österreich durch die hohen Scheidungsraten in den letzten zwei Jahrzehnten stark zugenommen. 252.000 Mütter und 48.000 Väter in Ein-Eltern-Familien gab es 2014 laut Statistik Austria in Österreich.

Freilich heißt das nicht, dass mehr als 300.000 Kinder ohne zweiten Elternteil aufwachsen. Doch die nur phasenweise Präsenz der Väter im Alltag der Kinder, verändert die Gesellschaft nachhaltig. Die männlichen Rollenvorbilder fehlen. Die Justiz hat das Problem erkannt und stellt nach und nach die Weichen, damit Väter mehr Rechte erhalten. Mitte 2012 entschied der Verfassungsgerichtshof, dass gemeinsame Obsorge auch für uneheliche Kinder möglich sein muss. Erst vor drei Wochen meinte der VfGH, dass die Doppelresidenz möglich sein soll, wenn es aus Sicht des Gerichts für das Kindeswohl am besten ist. Das bietet Kindern von getrennten und geschiedenen Paaren die Möglichkeit, abwechselnd und je zur Hälfte bei Mutter und Vater leben zu können. "Das war ein Meilenstein" meint Anton Potoschnig, Präsident der Plattform Doppelresidenz.

Von diesem Meilenstein ist Jonas weit entfernt. Er wartet nun auf eine Reaktion seinen Vaters. Zwei Tage bevor der Brief in Buchform erschienen ist, bekam der Vater das Werk per Post zugeschickt. "Ich bin sehr aufgeregt. Mein Vater kennt meine Handynummer. Ich hoffe, er meldet sich." Bei den wenigen Begegnungen zwischen Jonas und seinem Vater hat er einen sympathischen Eindruck gemacht. "Aber mein Vater ist für mich wie ein Stein, den ich nicht anheben kann und daher nicht weiß, was sich darunter verbirgt," meint Jonas, der gerne in Vergleichen formuliert.Und, was wenn es keine Rückmeldung gibt? Was wenn, die Vater-Sohn-Distanz nicht überwunden werden kann? "Wenn er verärgert reagiert, dann hoffe ich, dass er mich nicht weniger oft sehen will. Und ich werde es auf einem neuen Weg nochmals versuchen."

Wutanfälle

Jonas will weiterkämpfen. Auch wenn der Schüler oft wütend ist, wenn monatelang Funkstille herrscht. "Es ist eine komplizierte Art von Wut. Es ist so ein leichter Krampf im Magen, als würden sich meine Eingeweide verknoten und wieder lösen", beschreibt Jonas das Gefühl, das er nur schwer in Griff bekommt. Verständlich.

„Ich bin jetzt zehn. Ein Junge schreibt seinem Vater“. Edition a , um 16,99 Euro.

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