Chronik | Wien
14.09.2018

Open House Wien: Architektur hautnah erleben

Open House lädt am 15. und 16. September dazu ein Wiener Gebäude zu erkunden. Die Gründerinnen im Interview.

Die ersten fünf Jahre? Ein Steigflug. Die Leidenschaft? Ungebrochen. Die Architektinnen Iris Kaltenegger und Ulla Unzeitig haben die weltweit stattfindende Veranstaltung Open House nach Wien geholt und sich damit einen Traum erfüllt. Türen zu öffnen, die normalerweise geschlossen bleiben. Gebäude zu erkunden, die im Alltag nur für Auserwählte zugänglich sind. Anlässlich des fünfjährigen Jubiläums ziehen die Gründerinnen im KURIER-Interview ein Resümee über das nach Wien importierte Erfolgsformat.

KURIER: Wir sitzen in einem der ersten Projekte, die bei Open House mitgemacht haben, im tunesischen Dorf, einem Dachausbau vom Büro PPAG. Wie fühlt es sich nach fünf Jahren an wieder hier zu sein?

Kaltenegger: Sehr gut. Es fühlt sich absolut richtig an.

Zwei Jahre lang hat es gedauert, bis die erste Ausgabe in trockenen Tüchern lag. Wie sieht es heute aus?

Kaltenegger: Zum Glück um einiges besser. Open House ist vielen bereits ein Begriff.

Unzeitig: Eine große Hilfe sind nach wie vor Architekturbüros, die uns bei der Suche nach neuen Objekten unterstützen. Aber im Prinzip läuft die Akquise mittlerweile reibungslos.

Wie oft wechselt die Auswahl der Gebäude?

Kaltenegger: Fünfzig Prozent der Gebäude wechseln wir jedes Jahr aus. Manchmal behalten wir auch einige, weil uns natürlich bewusst ist, dass man an einem Wochenende nicht alles sehen kann. Es ist ein kontinuierliches adaptieren der Liste.

Unzeitig: Wir versuchen immer neue Gebäude einzubinden, manchmal auch Baustellen. Da sich Wien rasant entwickelt, haben wir zum Glück keine Schwierigkeiten neue Bauwerke zu finden.

Welche Kriterien müssen die Gebäude aufweisen?

Kaltenegger: Wichtig ist, dass wir nach Möglichkeit alle Epochen, Funktionen sowie alle virulenten Themen der Architektur abbilden können. Zusätzlich gibt es einen Weisenrat, bestehend aus Architektur-Experten sowie dem angrenzenden Umfeld, die wir in die Auswahl einbeziehen. Gestaltung oder Inhalt müssen anspruchsvoll und nach Möglichkeit aktuell sein. Zum Beispiel haben wir heuer auch landwirtschaftliche Produktionen im urbanen Raum mit auf die Besucherliste gesetzt. Die „produktive Stadt“ – ein spannender Bereich.

Welche Themen-Trails sind noch geplant?

Unzeitig: Es gibt einen „Energie“ sowie einen „ Otto Wagner Infrastruktur“-Trail, weil wir auch diese Seite von Wagner beleuchten möchte. Aufgezeigt werden die unterschiedlichen Nachnutzungsmöglichkeiten der Stadtbahnbögen, die man mit dem Fahrrad abfahren und besichtigen kann.

Open House ist auch eine Art Architekturvermittlung. Wie schätzen sie das Verständnis hierzulande für Baukunst ein?

Unzeitig: Verständnis gibt es kaum. Die Kluft zwischen den Leuten, die wissen wie wichtig Gestaltung ist und denen, die meinen damit gar keine Berührungspunkte zu haben, ist noch immer zu groß.

Kaltenegger: Die Hauptaufgabe von Open House ist es, Besuchern Architektur und räumliche Qualitäten näher zu bringen. Zum Glück gibt es in Wien einige herausragende Beispiele. Wir glauben, wenn wir den Leuten zeigen, was alles möglich ist – dann schärfen wir damit auch ihren Blick für die Qualitäten. Vorarlberg etwa ist in diesem Punkt ein Vorreiter. Innerhalb der Bevölkerung ist bereits ein Grundverständnis für Handwerkskunst und Materialität vorhanden, da muss man nicht mehr erklären, welche Vorteile Gestaltung und Architektur haben.

Es geht also auch darum, Berührungsängste abzubauen?

Kaltenegger: Absolut. Das Interesse ist groß, das lässt sich auch anhand der Besucherzahlen ablesen. 35.000 waren es allein im letzten Jahr, das motiviert ungemein.

Der Wunsch nach Information ist vorhanden. Macht sich das auch im Alltag bemerkbar? Kaltenegger: Ja, es formieren sich immer mehr Baugruppen und Partizipation übernimmt in der Planung eine immer größere Rolle. Beim Nordbahnareal etwa nimmt ein ganzes Viertel am Planungsprozess teil. Menschen müssen sich mit neuen Ideen identifizieren, erst dann können sie gebaute Qualitäten wertschätzen. Open House verfolgt dieselbe Idee, die Besucher sollen beginnen, sich mit ihrer Stadt zu identifizieren.

Unzeitig: Wobei das Bewusstsein für historische Architektur vorhanden ist.

Es geht also um den Brückenschlag vom Historischen zum Modernen?

Unzeitig: Genau. Gezeigt werden zeitgenössische Gestaltungsansätze ebenso wie Objekte mit Zwischennutzungen und wie man damit im urbanen Raum umgeht. Geklärt wird auch, welche Fragen temporäre Architektur beantworten kann. Außenflächen stehen auch auf der Liste, als Gelenke der Stadt sind sie Teil der Stadtentwicklung, die jeden betrifft.

Durch die Gebäude führen Volontäre, also eigentlich Laien. Liegt darin der Clou?

Kaltenegger: Ja, es ist wichtig das Laien, die Informationen vermitteln. Sie verwenden keine Fachausdrücke und formulieren für Jedermann. Insgesamt arbeiten 250 Volontäre für uns, ohne sie wäre Open House nicht durchführbar.

Viele Kulturprojekte beklagen mangelnde finanzielle Unterstützung. Wie steht es um Open House?

Kaltenegger: Jedes Jahr aufs Neue ist es ein Kraftakt. In gewisser Weise führen wir auch einen Bildungsauftrag aus, umso mehr wundere ich mich, warum das oft überhaupt nicht oder zu wenig wertgeschätzt wird. Im Jahr 2017 hatten wir immerhin 35.000 und im ersten Jahr waren es 20.000 Besucher – das allein ist ein ernst zu nehmender Indikator für die Relevanz der Veranstaltung.

Unzeitig: Ich würde mir vor allem finanzielle Stabilität wünschen. Wobei wir eher befürchten, dass sich die Situation verschlechtern wird.

Infos und Programm online unter: www.openhouse-wien.at

Zur Person

Architektin Ulla Unzeitig war für zehn Jahre beim österreichischen Institut für Bauen und Ökologie tätig. Als Co-Organisatorin von Open House kümmert sie sich etwa um die Bereiche Sponsoring und Finanzen. Iris Kaltenegger hat im Zuge ihres Architekturstudium in London Open House kennen und lieben gelernt. 2014 holte sie die Veranstaltungsreihe nach Wien.

Open House

Vor 20 Jahren wurde das Event in London gegründet und findet mittlerweile in über 35 Metropolen weltweit statt. Über einen gemeinnützigen Verein wurde das Format 2014 auch in Wien veranstaltet. Es öffnet Bauwerke, die nicht öffentlich zugänglich sind – kostenlos und  für jeden. Open House Wien ist eines der größten Architekturformate Österreichs.