Chronik | Wien
06.05.2018

Frauenschachklub: "Schopenhauer würde sich im Grab umdrehen"

© Bild: Kurier/Juerg Christandl

Im Café Schopenhauer treffen sich regelmäßig Schachspielerinnen. Frauen sind in dem Sport dramatisch unterrepräsentiert

Veronika Exler, 27 Jahre alt und amtierende Vizestaatsmeisterin, blickt konzentriert auf das Schachbrett vor sich auf dem Kaffeetischchen. „Also ich könnte mit dem Springer auf c3. Oder ich opfer hier den Turm...“ Normalweise würde sie ihre Gedanken nicht aussprechen, aber bei „Frau Schach“ steht der Spaß im Vordergrund.

„Frau Schach“, das ist Österreichs einziger Frauenschachklub, der einmal pro Monat im Café Schopenhauer in der Staudgasse 1 in Wien-Währing stattfindet.

Ins Leben gerufen wurde der Klub von der Wienerin Karoline Spalt, die selbst erst vor einigen Jahren zu dieser Sportart kam.

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Ihr Mann, ein professioneller Schachspieler, hatte ihr Lust gemacht. Warum die Faszination? „Das Schachspiel hat so etwas herrlich Eskapistisches, es geht nur um die Situation am Brett. Alles andere vergisst man“, erzählt sie.

Gegen ihren Mann zu spielen, der so viele Jahre Vorsprung hatte, funktionierte nicht gut. Also machte sie sich auf die Suche nach einem Ort, an dem sie ohne Druck ihr Hobby üben konnte. Doch den fand sie für erwachsene Anfängerinnen nicht. Überhaupt stieß ihr unangenehm auf, dass Frauen so deutlich unterrepräsentiert waren.

Frauenanteil: 3 Prozent

Das ist noch heute so: Bei den Schachexperten – also jenen Personen mit mehr als 2000 Elo (Schach-Ranking, Anm.) – stehen aktuell in Österreich 750 Spielern 17 Spielerinnen gegenüber.

Die Zahl war vor fünf Jahren kaum besser und damals Grund genug für Karoline Spalt, einen Schachklub ins Leben zu rufen, in dem Frauen in gemütlicher Atmosphäre bei Kaffee und Kuchen ihr Können verbessern konnten. Das erste Mal fand „Frau Schach“ 2013 noch im Café Museum statt. Mittlerweile sind die Spielerinnen ins Schopenhauer übersiedelt.

Dass es genau dieses Lokal wurde, freut Vereinsobfrau Dagmar Jenner: „Schopenhauer galt ja als großer Frauenverachter“, sagt sie. „Wahrscheinlich würde er sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, was wir hier tun.“

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„Schon der Anblick der weiblichen Gestalt“, schrieb der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer 1851 in seinem Buch „Über die Weiber“ nämlich „lehrt, dass das Weib weder zu großen geistigen, noch körperlichen Arbeiten bestimmt ist.“

Verbot bis 1902

Ein Blick ins Geschichtsbuch erklärt für Schachhistoriker Michael Ehn auch den heutigen geringen Frauenanteil. „Bis 1902 war es Frauen verboten, in Schachklubs zu gehen“, sagt Ehn. „Es war ihnen nicht einmal erlaubt, einem Turnier beizuwohnen, um ihre Männer anzufeuern.“ Auch nachdem der Raum geöffnet wurde, hätten nicht viele Frauen den Weg in die Klubs gefunden. Es fehlten die Vorbilder, es fehlten die Strukturen. „Und wo die Basis der Pyramide sehr schmal ist, ist die Spitze noch schmäler“, meint Ehn.

Wie ungewohnt Schachspielerinnen in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch sind, hat die 17-jährige Nikola Mayrhuber (heute 2100 Elo) am eigenen Leib erkannt. „Das war in der Volksschule. Ich hab an einem Schachturnier teilgenommen und den ersten Platz gemacht. Als ich auf die Bühne gerufen wurde, stockte die Moderatorin. ,Oh’, hat sie gesagt – immerhin kann Nikola ja auch ein Bubenname sein – ,du bist ja ein Mädchen.’“

Heute gibt Nikola Mayrhuber Mädchen wie sie damals eines war, Unterricht im Schachspiel. SPIDS nennt sich das Projekt, das Schach in Österreich bekannter machen möchte. Auch Veronika Exler ist hier eine Trainerin.

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In ihrem Kurs sind gleich viele Mädchen wie Burschen. „Schön wäre es jetzt noch“, meinte Exler, „wenn sich dieses Verhältnis bis an die Spitze durchsetzen würde.“