Gratis pinkeln wie die Männer: Wienerin klagt die Stadt
„Darf ich zuerst noch auf’s Klo gehen?“, fragt der junge Mann und verschwindet in der Kabine mit den Pissoirs – ohne zu bezahlen. Und genau darum geht es beim KURIER-Lokalaugenschein an diesem sonnigen Nachmittag auf der Donauinsel: um die öffentlichen Toiletten. Denn für Männer sind die Pissoirs kostenfrei zugänglich, für die Benützung der Kabinen aber – die häufig von Frauen genutzt werden – muss 50 Cent bezahlt werden. Eine Praxis, die eine junge Frau, Melanie Gradik, derzeit bekämpft: Sie will die Stadt Wien verklagen.
Viele Versuche bisher
Dabei handelt es sich aber nur um die Spitze des Eisbergs: Schon seit 2021 beschäftigt sich Gradik mit dem Thema, wie sie im Gespräch mit dem KURIER erzählt. Damals sei sie mit einem Freund im Stadtpark gewesen, wo beide die Toilette aufsuchten. „Er konnte dort gratis auf’s Pissoir, ich musste für die Kabine bezahlen“, sagt Gradik. Das dort anwesende Reinigungspersonal habe die heute 27-Jährige auf Nachfrage an die Stadt verwiesen. „Ich habe dann mehrere Mails geschrieben“, sagt Gradik. „Aber ich wurde geghostet.“
Dabei ist sie nicht die erste Frau, die sich mit diesem Anliegen an die Stadt wendet. Es ist auch nicht der erste Versuch, die Situation zu verändern: „Mir schicken mittlerweile viele Frauen ihre Mailverläufe mit der Stadt“, sagt Gradik. Auch die Volksanwaltschaft wurde eingeschaltet, eine Petition im Petitionsausschuss behandelt. Bisher aber immer ohne Ergebnis.
Die Antworten der Stadt seien immer wieder die gleichen, sagt Gradik. Die meisten Toiletten seien für alle kostenlos. Die Qualität und die Sauberkeit in den Toiletten habe sich in den vergangenen Jahren stark verbessert, das sei auch mit höheren Kosten verbunden, heißt es immer wieder.
Melanie Gradik beschäftigt sich seit 2021 mit dem Thema. Nun bereitet ihre Anwältin eine Klage vor.
Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Von 170 WC-Anlagen, die die MA 48 betreibt, sind 27 kostenpflichtig – zumindest die Kabinen. Dabei handle es sich um „hochfrequentierte Anlagen“, bei denen während festgelegter Betreuungszeiten „permanent externes Reinigungspersonal“ eingesetzt werde. Außerhalb dieser Zeiten stünden ein Großteil der Kabinen kostenfrei zur Verfügung, heißt es von der MA 48. Insgesamt hätten die Kosten für diese Toiletten im Jahr 2025 rund 2,9 Millionen Euro betragen. Würde die Kostenpflicht wegfallen, würden für die Stadt jährliche Mehrkosten von rund einer Million Euro entstehen. Nicht nur aufgrund der fehlenden Einnahmen – die sich jährlich auf 300.000 Euro beziffern lassen – sondern auch durch den Verlust der Vorsteuerabzugsberechtigung, heißt es von der MA 48.
„Alle oder niemand“
Öffentliche Toiletten betreibt aber auch die MA 45 (Wiener Gewässer). Neben kostenlosen Toiletten und Mobilklos gibt es im Sortiment auch 13 neue Anlagen. Bei denen sind – wie bei den 27 Toiletten der MA 48 – die Pissoirs kostenlos, die Kabinen kosten dagegen 50 Cent.
Für viele ein untragbarer Zustand, wie sich beim Lokalaugenschein auf der Donauinsel, wo einige dieser neuen Toiletten stehen, zeigt. „Ich habe mir noch nie wirklich so viele Gedanken darüber gemacht, weil mir das als Mann auch nicht so auffällt. Aber es sollte nicht so sein“, sagt der 32-jährige Daniel. Die 29-Jährige Ida ergänzt: „Wenn man beispielsweise seine Periode hat, dann ist man voll benachteiligt.“
Die Pissoirs sind kostenlos. Für die Kabinen muss man 50 Cent bezahlen.
Kostenlose Toiletten für Frauen brauche es also nicht nur deshalb, weil es auch kostenlose Toiletten für Männer gibt, sagt Gradik. „Wir brauchen kostenlose öffentliche Toiletten einfach, weil wir Schutz brauchen. Wir können nicht wild urinieren, wie Männer das machen.“ Ihr Wunsch deshalb: „Entweder alle zahlen oder niemand zahlt.“
Kommt die Stadt in Zugzwang?
Um dieses Ziel zu erreichen, geht Gradik nun über die Beschwerde hinaus. Nachdem Ende Juni die Schlichtung bei der Schlichtungsstelle gescheitert ist, will Gradik vor Gericht ziehen. Ihre Anwältin, Petra Laback, bereite derzeit die Klage auf Schadenersatz wegen Diskriminierung vor. Mindestens 1.000 Euro müsse die Stadt zahlen, sollte Gradik gewinnen, so die Anwältin. Aber damit nicht genug: Sollte der Prozess wirklich zugunsten der Klägerin ausfallen, könnten es viele andere Frauen, die 50 Cent auf einer öffentlichen Toilette bezahlt haben, Melanie Gradik gleich tun und die Stadt klagen, sagt die Anwältin. Diese Aussicht könnte die Stadt unter Zugzwang bringen.
Aber auch abseits davon hat sich die rot-pinke Koalition im Regierungsprogramm die Prüfung von kostenlosen Toiletten für alle selbst auferlegt. Diese Prüfung laufe noch, weitere Informationen werde es nach deren Abschluss geben, heißt es von der Stadt. Oder eben nach Ende des Prozesses.
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