Chronik | Wien
08.02.2012

Neues Opfer im "Malaria-Skandal"

Die Vorwürfe gegen die Wiener Psychiatrie reißen nicht ab. Verhaltensauffällige Kinder wurden als "irre" abgestempelt.

Ich war kein fleißiger Schüler. Aber das rechtfertigt die Maßnahmen nicht. Dann müsste heute jeder zweite Schüler ins Irrenhaus.“ Peter Schleicher ist heute 66 Jahre alt. Im Alter von „15 oder 16 Jahren“ wurde der Wiener auf die geschlossene Abteilung der Wiener Uni-Klinik eingewiesen. Weil er, wie er sagt, nicht angepasst war und weil er seinen Berufswunsch geäußert hatte: Schauspieler. Seine Eltern wandten sich daraufhin an seinen Lehrer und der sah nur einen Ausweg: Psychiatrie. Die Diagnose damals: „Manisch-depressives Irresein“. „Wenn damals ein Doktor oder Lehrer etwas von sich gegeben hat, war das wie die Bibel“, erklärt Schleicher heute.

Valium

Rund vier Wochen sei er in der Uni-Klinik (nach dem Vorstand auch „Klinik Hoff“ genannt) gewesen. Auch er wurde mit Malaria „therapiert“, zusätzlich wurden ihm angeblich Sedativa, etwa Valium, eingeflößt. „Die Methoden waren barbarisch“, sagt Schleicher. „Ein besonders grässliches Medikament“, erinnert er sich, war Majeptil. „Danach konnte man weder gehen, noch sitzen, oder stehen. Es ging einem ganz entsetzlich. Die Sinnhaftigkeit ist mir bis heute nicht klar.“ Und weiter: „Bei der Absetzung litt ich unter schlimmsten Panikattacken.“

Schleicher, der später Keyboarder wurde und mit Ludwig Hirsch, Hansi Lang und Wolfgang Ambros spielte, ist nach eigenen Angaben heute noch „valiumsüchtig“.

Andere Stationspatienten seien mit Elektroschocks therapiert worden „Das hat mich derartig erschüttert“, sagt der 66-jährige Musiker heute.

Auch Wilhelm J., der seine Vorwürfe bereits am Montag öffentlich machte, berichtet von „E-Schocks“ als Behandlung von Kollegen.

Johannes Wancata, Leiter der sozialpsychiatrischen Abteilung an der Wiener Uni-Klinik sagt, dass die – wie es heute heißt – Elektrokrampf-Therapie auch damals schon eine „adäquate Behandlungsmethode“ für schwere Schizophrenien oder Depressionen war. Ob sie aber „seriös angewendet wurde oder unkritisch und schlampig, das weiß ich nicht“.

Die Praktiken der Ärzte seien „experimentelle Korrekturmaßnahmen“ gewesen, sagt Peter Schleicher. Dass Experimente an den Patienten vollzogen wurden, kann sich der derzeitige Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Siegfried Kasper, „nicht vorstellen“.

Schleichers Überweisung in die Klinik soll durch den renommierten Kinderpsychiater Walter Spiel erfolgt sein. Klinik-Chef Hans Hoff habe ihn dann, im Beisein der Eltern, persönlich aufgenommen. Eine weitere Rolle spielte auch Cornelius Kryspin-Exner, der in den 1960er-Jahren, während der Malaria-Therapien, als Arzt in der Uni-Klinik tätig war.

Der Tirol-Konnex

Später übernahm Kryspin-Exner das Ordinariat für Psychiatrie in Innsbruck. Das ist insofern interessant, weil eine seiner Mitarbeiterinnen die heute äußerst umstrittene Psychiaterin Maria Nowak-Vogl war.

Sie soll über Jahrzehnte hinweg Experimente mit Heimkindern auf der Innsbrucker Kinderbeobachtungsstation gemacht haben. Wie der KURIER berichtete, wurde Mädchen im Alter von acht oder neun Jahren das Medikament Epiphysan injiziert, um ihr „sexuelles Verlangen“ zu stoppen. Erst auf Grund eines ORF -Berichtes im Jahr 1980 sah sich Kryspin-Exner veranlasst, die Behandlungsmethoden von Nowak-Vogl zu unterbinden. Der Zeithistoriker Horst Schreiber hat die Zeit Nowak-Vogls aufgearbeitet. „Sie war wie besessen davon, sexuelle Regungen im Keim zu ersticken.“ Vor allem „Kinder aus dem Proletariat“ habe sie als „genetisch minderwertig“ abgekanzelt. „Bei ihr kommt immer wieder die NS-Diktion durch.“

Alle genannten Mediziner, die in den 60-Jahren tätig waren, sind mittlerweile verstorben.

Chronologie: Was bisher geschah

16. Oktober 2011 Zwei Frauen erzählen von Serienvergewaltigungen im Kinderheim Schloss Wilhelminenberg.

30. November 2011 Die "Kommission Wilhelminenberg" unter der Leitung von Barbara Helige nimmt die Arbeit auf.

16. Jänner 2012 Ein Betroffener berichtet von sexuellem Missbrauch durch einen ehemaligen SP-Politiker.

6. Februar 2012 Wilhelm J. erhebt schwere Vorwürfe gegen die Wiener Universitätsklinik. 1964 sei er gezielt mit Malaria infiziert worden, um seine "Psychopathie" zu heilen.

8. Februar 2012 Peter Schleicher bestätigt die Anschuldigungen von Wilhelm J. Er spricht von "experimentellen Korrekturmaßnahmen" an der Wiener Universitätsklinik in den 1960er-Jahren. Die Diagnose seiner Ärzte: "Manisch-depressives Irresein".

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Hintergrund

  • Hintergrund