Chronik | Wien
05.09.2014

Neue Lipizzaner-Bilder: "Ich bin schockiert"

Angebliche Rollkur sorgt für Empörung unter Pferdefreunden. Lipizzaner-Chefin Gürtler weist Vorwürfe zurück.

Ich bin schockiert", oder "Gruselig...ganz gruselig". So lauten die Kommentare zu neuen Fotos von einem Gastspiel der Wiener Hofreitschule im deutschen Ort St. Wendel im Jahr 2011, die nun im Internet kursieren. Erneut werden die Tiere mit den Zügeln ganz eng gehalten, einem Lipizzaner rinnt der Schaum aus dem Maul. Die umstrittene Rollkur sieht man allerdings auf keinem Bild. Pferdefreunde zeigen sich dennoch empört.

Verärgert ist auch Lipizzaner-Chefin Elisabeth Gürtler, die für den KURIER die neuen Bilder gesichtet hat. "Das eine Foto zeigt eine Landung nach der Courbette, das ist ein Sprung. Es handelt sich um das Pferd Malina. Da ist eine Disharmonie unmittelbar nach der Landung, das ist kein Idealzustand." Solche Fotos finde man aber von jedem Springpferd. "Es gibt ja auch Bilder von mir, da schaue ich wie eine Hexe aus und eine halbe Sekunde später, am nächsten Foto, bin ich ganz lieb und nett."

Dass mehrere Bilder einen Lipizzaner mit Schaum vor dem Mund zeigen, sei nur für Laien schlimm: "Wenn ein Pferd nicht schäumt, zeugt das von ungenügender Maultätigkeit", erklärt die Chefin der Hofreitschule. Und natürlich gebe es viele Bilder, die Pferde nicht im perfekten Zustand zeigen: "Wenn alles ideal wäre, dann müssten wir mit den Pferden ja nicht arbeiten."

Im Jahr 2008, als die Bilder mit der Rollkur aufgenommen wurden, war der Tierschutz der Lipizzaner auch Thema im Parlament. Auf eine Anfrage der Grünen hieß es vom Landwirtschaftsminsterium aber, dass alles in Ordnung sei.

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Gürtler: "Rauswurf bei Rollkur"

Elisabeth Gürtler, die Leiterin der Wiener Hofreitschule, hat es nicht leicht. Nach dem Zwist um einen harten Sparkurs prasselt nun auch internationale Kritik auf die Lipizzaner-Chefin ein. Der berühmten Wiener Institution werden quälende Methoden bei der Dressur vorgeworfen - der KURIER berichtete. Im Mittelpunkt steht die sogenannte Rollkur. Bei dieser wird der Pferdekopf mit den Zügeln seitlich zurückgezogen. Das Pferd "beißt" sich dabei selbst in die Brust.

Die Hyperflexion – so der offizielle Name – stammt ursprünglich aus Frankreich und wird vor allem in den Niederlanden angewendet. Nun aufgetauchte Bilder der holländischen Pferdesachverständigen Ulrike Thiel von einem Morgentraining im Mai 2008 sollen belegen, dass diese umstrittene Maßnahme offensichtlich auch in der Hofreitschule zumindest in einem Fall angewandt wurde. Gürtler bestritt das zwar entschieden gegenüber dem KURIER. Aber Christine Aurich, Universitätsprofessorin an der Veterinärmedizin Wien und Autorin einer Studie zu der strittigen Methode, meint zweifelsfrei: "Auf den Fotos ist eindeutig die klassische Rollkur zu sehen."

Deren Folgen sieht man laut Thiel etwa an den Pferdebewegungen auf aktuellen Fotos – etwa bei der heurigen Lipizzaner-Tournee im April im schwedischen Malmö.

Auch Uni-Expertin Aurich meint: "Die Tiere müssen dort mit Zwang geritten worden sein und sind überfordert, das sind nicht die Bilder der schönen Reitkunst, wie sie die Hofreitschule predigt. Ob das ein Ergebnis einer Rollkur ist, kann man allerdings nicht sagen."

Gürtler selbst erklärt gegenüber dem KURIER, die Rollkur sei in der Hofreitschule verpönt: "Wir lehnen das von ganzem Herzen ab. Wenn ich das sehe, dann würde ich den Reiter vom Pferd holen. Wenn mir jemand ein Video zeigt und keine Momentaufnahme, dann wird derjenige die Hofreitschule verlassen müssen."

Max Dobretsberger, der Leiter des Gestüts in Piber, sieht "unschöne Bilder, die aber Momentaufnahmen sind. Solche Bilder gibt es von jedem Reiter, das können auch Dehnungsübungen im Stand sein."

"Ein Traum geplatzt"

Unter Pferdefreunden sind die Bilder auf Facebook derzeit weiterhin Gesprächsthema Nummer eins. "Wieder ein Traum geplatzt", oder "Das ist alles so schrecklich", ist in den Kommentaren zu lesen. Marie-Françoise Chevallier Le Page von der französischen Lipizzaner-Vereinigung richtete ein Protestschreiben an die Hofreitschule in Wien.

Darüber, wie schädlich die Hyperflexion tatsächlich ist, sind die Meinungen in der Fachwelt geteilt. Die internationale Pferde-Vereinigung FEI fasst zusammen: "Es können keine klinisch nachweisbaren Nebeneffekte in Verbindung gebracht werden, es bestehen aber ernsthafte Bedenken betreffs des Wohlbefindens des Pferdes, wenn diese Technik nicht korrekt angewendet wird. Die FEI verurteilt Hyperflexion in jeder reitsportlichen Disziplin als ein Beispiel von mentalem Missbrauch."

Die Rollkur wird vor allem angewandt, um die Pferde schneller zu dressieren. Tierschützer fordern, sie zu verbieten. Im Gesundheitsministerium verweist man darauf, dass "übermäßiges Leiden" schon jetzt verboten sei: "Eine explizite Aufnahme der Rollkur in das Gesetz ist derzeit nicht angedacht."