Chronik | Wien
15.09.2018

Neue Leih-Scooter für Wien: Außen Roller, rechtlich Fahrrad

Welche Maßnahmen die Stadt bei einem etwaigen Park-Chaos setzen kann, ist noch offen.

Rund zwei Monate nach dem Abzug der asiatischen Mietrad-Anbieter Ofo und oBike steuert nun der Elektro-Tretroller-Verleiher Lime auf Wien zu. Das US-Unternehmen will Ende September 200 bis 300 Gefährte im öffentlichen Raum verteilen. Sie können im ganzen Stadtgebiet (fast) überall geparkt und per App entliehen werden – fixe Stationen gibt es nicht. Ob die Stadt für den Fall, dass es erneut zu einem Abstell-Chaos kommt, eine Handhabe hat, ist noch nicht geklärt.

Wie bei den stationslosen Leihrädern öffnet sich das Schloss am Reifen des Scooters, sobald man per Smartphone den Code am Lenker einscannt (Kosten: 1  Euro für die Anmietung, dann 15 Cent/Min.). Die Verriegelung sei fest verbaut,  richtet  Österreich-Manager Alexander Götz Langfingern aus, die sich vielleicht schon die Hände reiben. Der Akku ist laut Götz so konzipiert, dass er einen Tag lang reicht.  Abends sammeln daher zehn  bis 20 Mitarbeiter die Roller mit Kastenwagen ein.

Im Lager werden die  Akkus aufgeladen und die Roller gereinigt sowie repariert. „Wir geben zu, dass das anspruchsvoll ist“, sagt Götz im KURIER-Gespräch. Deshalb sollen in Zukunft die Kunden mithelfen: Wer den Roller in den eigenen vier Wänden mit Strom betankt, wird mit einem  Guthaben belohnt. In Paris – wo Lime ebenfalls im Geschäft ist – würden drei Viertel der Nutzer mitmachen, sagt Götz.

Magische Grenze

Die E-Roller haben eine Leistung von rund 250 Watt und bringen  24 km/h auf den Tacho. Hier hält sich der Anbieter an eine magische Grenze, die das Angebot verkehrstechnisch erst sinnvoll macht. Die Leistung klassifiziert die Roller nämlich als Fahrrad. Dadurch können sie zügig  auf Fahrradstreifen und  der Straße unterwegs sein. Werden die 25 km/h Höchstgeschwindigkeit überschritten, gelten E-Roller als Moped  und müssen mit Nummerntaferl unterwegs sein.

Zu unterscheiden sind die Gefährte außerdem  noch von Micro-Scootern. Diese werden von der Polizei als „Fahrzeugähnliches Kinderspielzeug“ eingestuft, was sie von der Straße verbannt. Micro-Scooter dürfen wie Skateboards nur auf Gehsteigen, in Fußgängerzonen oder in Spielstraßen benutzt werden.

Ob die E-Roller vor diesem Hintergrund auch unter die Leihrad-Verordnung  der Stadt fallen – und sich Lime folglich an strenge Vorschriften halten muss – prüft derzeit das Verkehrsministerium. Da die StVO die Platzierung von Mieträdern im öffentlichen Raum erlaubt, konnte die Stadt bis zum Inkrafttreten des Regelwerks im August nicht gegen die Drahtesel aus Fernost vorgehen.

Lime wolle sich ohnehin an die Regeln der Stadt halten, beteuert das Unternehmen. „Je besser wir performen, desto eher akzeptieren uns die Leute“, sagt Götz. E-Mobilität sei mit höheren Fixkosten verbunden als Leihräder. „Es ist unserem Sinne, dass wir uns um die Roller kümmern.“

Kein Profit mit Daten

Lime wurde im März 2017 in den USA gegründet. In Europa ist das Unternehmen etwa in Paris, Madrid, Berlin und Zürich im Geschäft – bis Ende des Jahres will es 25 europäische Metropolen erobert haben. Außerhalb Wiens hat Lime nicht nur Roller, sondern auch Leihfahrräder stationiert. In den USA soll es laut Götz demnächst sogar einen Test mit Elektroautos geben.

Das Geschäftsmodell sei eindeutig das Anbieten von Mobilität, beteuert Götz. „Wir sammeln die Daten anonymisiert“, betont Götz. Daraus ergibt sich für Lime aber auch eine Schwierigkeit: Das Mindestalter von 18 Jahren kann nicht kontrolliert werden – zur Anmeldung sind lediglich eine Handynummer und eine Kreditkarte nötig.

Ergänzung zu Öffis

Das Potenzial der Roller sieht Götz in Wien vor allem für kürzeren Strecken – wegen des gut ausgebauten Öffi-Netzes. „Wir sind ergänzend zum öffentlichen Verkehr“, erklärt er. Mit den E-Scootern könne etwa der Weg zur U-Bahn-Station zurückgelegt werden.

In den nächsten Wochen will Lime Erfahrungen mit dem Wiener Markt sammeln. Stimmen Nachfrage und das Feedback der Stadt, wird sich der Sharing-Anbieter dauerhaft niederlassen. Der Winter soll laut Götz dann dazu genutzt werden, um die operativen Abläufe einzuspielen. Denn E-Rollerfahren ist für ihn nicht nur Schönwetter-Programm: „Unser Ziel ist ein Ganzjahresbetrieb.“