Chronik | Wien
18.05.2018

Messerattacke in Wien war "typischer Amoklauf"

Tatverdächtiger Afghane ist zurechnungsfähig. Es ist daher von einer Anklage wegen vierfachen versuchten Mordes auszugehen.

Jafar S. leidet an keiner psychischen Störung. Der Asylwerber, der im März in Wien-Leopoldstadt vier Menschen mit einem Messer schwer verletzt haben soll, ist somit zurechnungsfähig. Zu diesem Ergebnis kommt der Sachverständige Peter Hofmann, der bei dem Asylwerber „keinerlei Anhaltspunkt auf eine schwerwiegende psychische Erkrankungen“ fand.
Hofmann geht davon aus, dass S. zum Zeitpunkt der Messerattacke „über einen völlig geordneten Gedankengang verfügte“.

Der 23-Jährige hatte bei den Gesprächen den Tathergang detailliert schildern können und  kein Wort über Halluzinationen oder Wahnideen verloren. Drogenkonsum stand zwar an der Tagesordnung des Beschuldigten, jedoch gebe es keinen Anhaltspunkt, dass er am Tag der Tat unter „Cannabisberauschung gestanden wäre“.  

Simulationspsychose

Das Fazit des Gutachters: „Es handelt sich hier um einen typischen Amoklauf, bei dem in kurzer Zeitspanne mehrere Tötungsdelikte bzw. Versuche zu töten umgesetzt werden. Die Opfer sind Unbeteiligte bzw. auch solche, die gezielt gewählt wurden und auf einer Art innerer Abschussliste stehen.“ Außerdem diagnostizierte der Sachverständiger eine „Simulationspsychose“, die im Gefängnis auftrat.

Jafar S. hatte in der Justizanstalt Wien-Josefstadt verwirrte Angaben gemacht. „Teufelsmenschen“ würden ihn verfolgen und Stimmen hören. Außerdem unternahm der aus Kapisa stammende Afghane mehrere Suizidversuche. Er wollte sich u. a. an einem Fenstergitter erhängen. Gegenüber den Justizwachebeamten legte er ein aggressives Verhalten an den Tag, beschimpfte sie und brach  einem den Finger. Wegen seines Zustands wurde Jafar S. mehrmals ins Otto-Wagner-Spital bzw. in die Rudolfsstiftung gebracht und dort medikamentös behandelt. In ärztlicher Obhut unternahm der Afghane erneut Suizidversuche.

„Wollte Pilot werden“

Laut seinen Aussagen wollte er sich vor der Tat an einem Portier am Nestroyplatz rächen, der Tage zuvor von  ihm Sex verlangt hätte. Die beiden Klappmesser hatte er am selben Tag um jeweils zehn Euro bei einem Straßenhändler in der Niederhofstraße in Wien-Meidling gekauft. Doch es kam alles anders. Am Nestroyplatz war ihm dann die dreiköpfige Arzt-Familie entgegengekommen – gut gelaunt und voller Freude. Der Afghane dachte, dass sie ihn auslachen würden und stach die drei Unbeteiligten einfach nieder. Auf der Flucht fiel ihm ein Landsmann  ein, der ihm ständig Drogen verkauft  und sein „Leben zerstört“ hätte  und attackierte diesen am Praterstern. S. wurde später auf der Schüttelstraße festgenommen.

Laut seiner Anwältin Astrid Wagner, die den Verdächtigen gemeinsam mit Wolfgang Blaschitz verteidigt, würde er die Tat auf die Familie bereuen. In seinen Einvernahmen erzählte S.,  nach Europa gekommen zu sein, um Pilot zu werden. Im Falle einer Anklage wegen Mordversuchs droht ihm  jetzt eine bis zu lebenslange Haftstrafe.