Chronik | Wien
06.04.2018

Messerattacken: Afghane wollte in Anti-Gewalt-Kurs

Mutmaßlicher Messerstecher sollte mit Streetworkern zusammenarbeiten. Gemeinnützigem Verein fehlte Geld.

Jafar S. hätte bei uns mittrainieren sollen. Aus budgetären Gründen ging das aber nicht“, sagt Alexander Karakas von „Not in God’s Name“. Wenige Wochen vor den Messerattacken auf der Praterstraße und am Praterstern in Wien hatte der 23-jährige Afghane mit dem gemeinnützigen Verein Kontakt aufgenommen.

Dieser setzt sich gegen Radikalisierung und gegen Gewalt ein, arbeitet dabei mit bekannten Gesichtern aus der Kampfsportszene zusammen. Sie sollen als Vorbilder für Jugendliche agieren und ihnen zeigen, dass man sich gut integrieren kann.

„Da wir aber seit diesem Jahr keine finanzielle Unterstützung von staatlicher Seite erhalten, mussten wir viele Anfragen absagen“, schildert Karakas. Laut seiner Schilderung hätte ein „Formalfehler“ dazu geführt. Vorgespräche mit weiteren Kooperationspartnern, wie dem VBJ (Verein Bucharischer Juden, Anm.), verzögerten die Beantragung neuer Gelder und man verpasste dadurch die angepeilte Frist.

„Letztes Jahr haben wir rund 40.000 Euro an Förderung erhalten“, sagt er. Obwohl die Mittel bereits vergeben wurden, will man weiterhin für diese kämpfen und hätte sogar mit dem Bundeskanzleramt Kontakt aufgenommen.

Bei den Ministerien ist das Projekt hoch angesehen und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. In zwei Wochen soll „Not in God’s Name“ den Integrationspreis für Sport erhalten. Am 18. April wird kein Geringerer als Boxlegende Mike Tyson in die Neue Mittelschule Kagran kommen und zu mit den Schülern reden.

Der professionelle Mixed-Martial-Arts-Kämpfer und Testimonial von „Not in God’s Name“, Tamirlan Dadaev, kam mit dem Verdächtigen Jafar S. bereits in Kontakt. Der Österreicher mit tschetschenischen Wurzeln jobbt als Türsteher in einer Diskothek, die der 23-jährige Afghane dieses Jahr aufsuchte. „Er wollte in den Club, war aber zugedröhnt. Das hat man sofort gesehen“, erzählt Dadaev und schüttelt den Kopf.

Ob eine Teilnahme am Projekt die Tat von Jafar verhindern hätte können, will der Kampfsportler nicht beantworten. Er sagt nur: „Meiner Erfahrung nach bist du nach einem Training ausgepowert, müde, die Kraft geht dir aus. Und du lernst, Disziplin zu haben und findest neue Freunde.“

An Wiener Hotspots, wie dem Praterstern, sucht der Verein den Dialog mit Jugendlichen. Im Gespräch mit drei Afghanen erzählt Dadaev: „Ich bin auch vom Krieg gekommen – so wie du.“

Einer von ihnen ist Aziz Naimi. „Ich bin seit zwei Jahren hier und würde gerne Sport machen, kann aber nicht. Es würde mir besser gehen“, meint der junge Asylwerber. Alexander Karakas betont gegenüber dem Jugendlichen: „Er ( Tamirlan, Anm. ) kämpft nur im Ring. Das ist ganz wichtig.“

„Warum glauben alle, dass ich auf der Straße kämpfe. Wenn ich mich schlagen will, bleibe ich in meinem Land“, betont der Afghane. Außerdem erzählt der Jugendliche, dass er beinahe täglich von Niederösterreich zum Praterstern pendelt: „Was soll ich sonst machen? Wenn ich zu Hause sitze, ist mir langweilig.“