Chronik | Wien
27.10.2018

Michael Häupl: "Hätte mir mehr Aufschrei erwartet"

Wiens Altbürgermeister über seine Amtsübergabe, den Zustand der SPÖ und Pamela Rendi-Wagner.

Michael Häupl will sich für das Interview in seinem Stammlokal Gustlbauer in der Drahtgasse in der City treffen. Das Lokal entdeckte er Ende der Sechzigerjahre als Student und blieb ihm treu. Bevor das Interview beginnt, ordert Häupl für alle einen Spritzwein.

KURIER: Herr Häupl, wie viele Frösche haben Sie seit Ihrem Abgang schon gezählt?

Michael Häupl: Gar keine. Eine Rückkehr in meine alte Wissenschaft ginge heute gar nicht mehr. Dafür bin ich zu lange weg. Ich bin aber als Präsident des WWTF (Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds, Anm.) mehr in der Wissenschaftsfinanzierung und -organisation tätig. Aber ich kann noch immer, wenn ich im Frühjahr spazieren gehe, Frosch-Lurche an ihren Rufen unterscheiden.

Mit etwas Abstand: Waren Sie zu lange in der Politik?

Das ist eine schwierig zu beantwortende Frage. Für manche vielleicht, für mich nicht. Ich glaube, dass ich den richtigen Zeitpunkt für die Übergabe gewählt habe.

Haben Sie die Übergabe rückblickend nicht zu lange hinausgezögert?

Das kann man von außen sicher sagen – das bestreite ich gar nicht. Von der Innensicht der Partei sicher nicht. Dass es am Ende des Tages so funktioniert hat, hat den Grund, dass ich uns allen die Zeit gegeben habe, einen Nachfolger zu finden. Denn am Ende des Tages ist es gut über die Bühne gegangen, gerade wenn man sich das furchtbare Auftreten einzelner gegen Werner Faymann am 1. Mai vergegenwärtigt.

Wie ist es, nach vielen Jahren die Macht abzugeben? Gibt es noch Phantomschmerzen, dass Sie etwa den Magistratsdirektor anrufen und etwas anordnen?

Nein, ich habe das erlebt, wie ich diese Funktion übernommen habe und Helmut Zilk Schwierigkeiten hatte, sich vom Amt zu lösen. Was zu keinen Verwerfungen geführt hat, weil wir einander persönlich verbunden waren. Aber Diskussionen hat es damals gegeben.

Die gibt es heute nicht?

Nein, weil ich mich nicht einmische. Ich rufe niemanden an. Wenn mich wer fragt, gibt es aber eine Auskunft.

Ihr Sohn Bernhard Häupl war Jugendkoordinator der SPÖ Wien, aktuell macht er sein Studium fertig. Verfolgt er dann eine politische Karriere?

Das müssen Sie ihn fragen. Den Teufel werde ich tun, ihn zu protegieren. Es funktioniert niemals, wenn ein Parteivorsitzender sagt, dass sein Sohn was werden muss.

Füllt Sie der Job im WWTF aus, oder bleibt Zeit, sich mit der Politik zu beschäftigen?

Ich habe meine politischen Funktionen zurückgelegt, bin aber deswegen nicht unpolitisch geworden. Aber ich äußere mich nicht zur Tagespolitik. Wenn jemand auf einem Denkmal steht, soll er gefälligst oben stehen bleiben und sich von den Tauben beschmutzen lassen.

Was entscheidet die kommende Wien-Wahl? Michael Ludwig hat dieselben Voraussetzungen wie Sie 2001 mit Schwarz-Blau im Bund. A gmahte Wiesn, für die Wiener SPÖ?

Nein, auf keinen Fall. Unser Sieg damals hat viel damit zu tun, wie die Wiener SPÖ damals kollektiv die Niederlage von meiner ersten Wahl 1996 analysiert hat. Wir haben uns damals am eigenen Schopf hinausgezogen.

Muss sich die Wiener SPÖ auch heute neu finden?

Natürlich hat sich die Partei neu aufgestellt. Doch Michael Ludwig hat eine ausgezeichnete Wahl für sein Team getroffen.

Straches Ziel ist nach wie vor, dass die FPÖ den Wiener Bürgermeister stellt. Droht Gefahr?

Ich bin ihm dankbar für die jüngste Bemerkung. Ich bin auch Christoph Wiederkehr von den Neos dankbar, dass er gesagt hat, dass er einen sozialdemokratischen Bürgermeister verhindern will. Das ist es, was wir immer gesagt haben: Wenn es eine Mehrheit rechts von der SPÖ gibt, wird das von denen genutzt werden.

Sie sagten, Sie wollen alles dafür tun, dass Ludwig Bürgermeister bleibt. Werden Sie im Wahlkampf auftreten?

Ich war lange Parteivorsitzender, aber reihe mich nun ein als Soldat meines Heeres unter einem neuen Oberkommandanten. Wo immer ich gebraucht werde.

Die SPÖ unter Ludwig wurde zuletzt restriktiver, Alkoholverbot auf Plätzen, Essverbot in den Öffis. Geht damit nicht die Offenheit der Stadt, die Sie so gepredigt haben, verloren?

Nein. Das ist völliger Unsinn. Viele Dinge waren schon geplant. Auch die Bestrafung von Hundegackerl, die gut angenommen wird. Eine Ordnung im Zusammenleben heißt ja nicht, dass die Lockerheit verloren geht.

Ist das dennoch der richtige Weg, um eine türkis-blaue Mehrheit in Wien zu verhindern?

Die Sozialdemokratie muss ihr ureigenstes Thema ansprechen: den sozialen Zusammenhalt. Was man noch dramatischer machen muss, als ich das getan habe, – das ist durchaus Selbstkritik – ist, dass man die Folgen

darstellen muss, wenn der soziale Zusammenhalt verschwindet.

Warum tut sich die SPÖ in der Opposition so schwer, denn die Themen liegen ja auf der Hand, etwa die BVT-Skandale.

Da gibt es Sachen, die stören mich viel mehr, etwa wenn die Sozialministerin sagt, man kann von 150 Euro im Monat leben. Da hätte ich mir von der SPÖ mehr Aufschrei erwartet. Aber zu dem Zeitpunkt war die Partei neuaufzustellen – vor allem die Bundespartei.

Die SPÖ war zum 12-Stunden-Tag überraschend ruhig.

50.000 Leute zu einer Demo zu mobilisieren ist mal nicht schlecht. Aber eines ist schon richtig. Da ist über Monate hinweg der Widerstand gegen solche Themen von der Gewerkschafts-Fraktion getragen worden.

Warum hat hier die Partei nicht mitgezogen?

Sie wird es jetzt machen.

Weil?

Ich will ja niemandem einen Stein nachwerfen. Aber das Ausscheiden des Christian Kern aus der Politik war ziemlich suboptimal. Da liegt viel Grund darin.

Hilft es, wenn Klubchef Drozda und Kärntens Landeshauptmann Kaiser einander treffen müssen, weil nicht einmal die Liste für die EU-Wahl ohne öffentlichen Streit erstellt werden kann?

Das geht mich jetzt wirklich nichts mehr an. Wenn man darüber streitet, ob der Sohn eines Landeshauptmanns auf der Europaliste stehen soll oder nicht, ist das genau der Part an der Politik, der mir nicht abgeht.

Erstmals steht in der SPÖ eine Frau an der Spitze der Bundespartei. Kann Pamela Rendi-Wagner die aktuelle Regierung herausfordern?

Ich halte Rendi-Wagner für eine sehr gute Wahl. Sie ist eine sehr toughe Frau, das ist gut so. Denn Frau sein allein reicht sicher nicht.

Braucht es in der Opposition den Bihänder oder das Florett?

Ich bin kein Waffennarr. Aber Rendi-Wagner hat eine geschliffene, pointierte Sprache. Sie hat ein Gefühl dafür, was Leute interessiert und nicht, was Parteifunktionäre interessiert. Das ist bedauerlicher weise nicht immer dasselbe.

Verstehen Sie die Kritik von Michael Ludwig an Rendi-Wagner, dass sie zu viele Jobs auf einmal mache?

Da war er ein wenig paternalistisch. Er hat es nicht so gemeint. Michael Ludwig ist der Nächste, der wählt. Rendi-Wagner wird ihm noch helfen und kommt super an. Sie hat viel bessere Werte als die Partei. Sie liegt auf der Höhe von Kurz.

Weil sie noch eine unverbrauchte Quereinsteigerin ist. Die SPÖ setzt zum zweiten Mal auf eine Quereinsteigerin. Kann das gut gehen?

Rendi-Wagner ist keine Quereinsteigerin. Sie war lange als Sektionschefin tätig und war immer eine politische Frau, nur halt nicht so lange Parteimitglied. Wenn in der Partei alle Routiniers mithelfen, sehe ich keine Schwierigkeiten.

Christian Kern tat sich schwer mit dem Wechsel in die und aus der Politik. Das kann Rendi-Wagner also nicht passieren?

Nein, weil sie nicht in einer völligen anderen Welt gelebt hat.