Warum Meidlings Baumscheiben 1,2 Mio. Euro kosten
Die Meidlinger Hauptstraße wurde vor weniger als zehn Jahren für 24 Mio. Euro saniert. Jetzt wird nachgerüstet.
Die Umgestaltung der Meidlinger Hauptstraße war ein Vorzeigeprojekt der ehemaligen rot-grünen Stadtregierung – zumindest für damalige Verhältnisse, wie es scheint. Denn keine zehn Jahre nach der Fertigstellung wird für viel Geld nachgerüstet.
Durchgeführt wurde 2010 ein EU-weiter Wettbewerb, ab 2013 wurde vier Jahre gebaut und die gesamte Fußgängerzone in mehreren Etappen für insgesamt 24 Millionen Euro generalsaniert. Realisiert wurde das Großprojekt unter der damaligen Grünen Planungsstadträtin Maria Vassilakou und im Jahr 2017 fertiggestellt.
Nicht alles, was damals realisiert wurde, ist heute noch zeitgemäß. Das gilt auch für über 60 Baumscheiben, für die ein sogenannter „Terraway“-Belag (siehe Foto) verwendet wurde.
Darum wird der Belag nun für 1,2 Millionen Euro entfernt, die Baumscheiben bzw.
520 Quadratmeter Fläche begrünt und eine automatische Bewässerung realisiert.
Opposition ortet Pfusch
Da das Material bereits Zeitschäden hat, ortet die FPÖ Meidling eine Steuergeldverschwendung, um eine Fehlentscheidung zu verheimlichen. Auch laut Meidlinger KPÖ-Klubobmann Boris Petrus werde „die Reparatur eines teuren Pfuschs als notwendige Klimaanpassung verkauft.“
Und: „Wir sehen das in Wien ganz oft, dass erst kürzlich fertiggestellte Projekte im Nachhinein begrünt werden, wie in der Seestadt oder im Nordbahnviertel. Das ist keine effiziente Mittelverwendung und hätte vorausschauend gemacht werden können.“
Die Kosten von 1,2 Millionen Euro werden mit 800.000 Euro von den Geschäftsgruppen von Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky und Planungsstadträtin Uli Sima (beide SPÖ) gefördert.
Tatsächlich hatte man laut SPÖ-Bezirkschef Wilfried Zankl ein 1,2 Mio. Euro teures Projekt gar nicht vorgesehen. Ursprünglich sollten die Baumscheiben für 250.000 Euro nur begrünt werden.
Gemeinsam mit den Geschäftsgruppen von Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky und Planungsstadträtin Ulli Sima (beide SPÖ), die 800.000 Euro zuschießen, habe man sich bewusst entschieden, auch die Bewässerung umzusetzen. Die restlichen 400.000 Euro kommen vom Bezirk.
Eine teure Fehlentscheidung?
Fehlentscheidungen bei der noch nicht so alten Umgestaltung der Meidlinger Hauptstraße weist Zankl zurück: „Das Material wurde vor circa 16 Jahren im Rahmen des Wettbewerbs zur Neugestaltung gewählt, weil es zu diesem Zeitpunkt State of the Art war.“
Die letzte Sanierung der Meidlinger Hauptstraße erfolgte in einer Zeit, in der Maßnahmen zur Klimawandelanpassung noch nicht so stark im Fokus standen wie heute.
Straßenverwaltung und Straßenbau
Das Material habe Versickerungsfähigkeit sowie barrierefreie Begehbarkeit versprochen und wurde von dem Architekturbüro ausgewählt, welches den Wettbewerb gewonnen hat. „Kurz vorher wurde dieser Belag auch auf der neugestalteten Mariahilfer Straße genutzt“, sagt Zankl.
Stadt hat dazugelernt: Klimawandel heute stärker im Fokus
Auch Erwin Forster, Sprecher der MA 28 (Straßenverwaltung und Straßenbau) erklärt auf KURIER-Anfrage. Bei der letzte Sanierung seien Maßnahmen zur Klimawandelanpassung noch nicht so stark im Fokus gestanden wie heute.
„Die Rahmenbedingungen waren andere als heute. Die Auswirkungen des Klimawandels mit längeren Hitze- und Trockenperioden haben sich seither deutlich verstärkt. Eine automatische Bewässerung war damals außerdem noch nicht Standard.“
Es ist wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll, jetzt in den Erhalt der Bäume zu investieren, anstatt später hohe Kosten für Baumschäden, Ersatzpflanzungen oder den Verlust wichtiger Kühlwirkung in Kauf nehmen zu müssen.
Straßenverwaltung und Straßenbau
Priorität habe es, die Wasserversorgung der bereits groß gewachsenen Bäume sicherzustellen, „was im aktuellen Zustand schlichtweg nicht möglich ist.“ Die Stadt verfüge bei Bewässerung und Pflasterung heute über mehr Expertise, Lösungen seien innovativer geworden.
„Aus Sicht der Stadt ist es wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll, jetzt in den Erhalt der Bäume zu investieren, anstatt später hohe Kosten für Baumschäden, Ersatzpflanzungen oder den Verlust wichtiger Kühlwirkung in Kauf nehmen zu müssen.“
Die Schuldenfrage
Fast zwei Drittel der kalkulierten 1,2 Mio. Euro sind für die Bewässerung inklusive Aufgrabungen und Verlegung der Wasserleitungen vorgesehen. Wie viel das Projekt genau kostet, stehe aber noch nicht fest, da noch keine Endabrechnung vorliegt.
Problematisch ist für die KPÖ aber auch, dass das Projekt im Budget für 2026 in dieser Höhe nicht vorgesehen war. Der Bezirk würde sich verschulden und einen Vorgriff von über 410.000 Euro vornehmen.
Auch hier beruhigt Zankl, das sei ein regulärer Vorgang: „Wir gehen als Bezirk unterjährig immer in den Vorgriff, legen das Geld also aus und bekommen es später zurück. Hintergrund ist, dass Förderungen erst mit dem Rechnungsabschluss refundiert werden und ein Budget Spielraum für unvorhergesehene Ausgaben braucht.“
Von einer „faktischen Verschuldung“ könne also keine Rede sein. Auch habe man immer mehr budgetiert, als man am Ende ausgebe. „Im Rechnungsabschluss 2025 wurde eine Rücklage von rund vier Mio. Euro ausgewiesen. Die finanzielle Situation des Bezirkes ist über die letzten Jahre stabil“, betont Zankl.
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