Pensionsexperte Bernd Marin

© /Pepo Schuster

Stadtwerke

Pensionsexperte Marin: "Die Signalwirkung ist verheerend"

Bis zu 900 Mitarbeiter werden von den Wiener Stadtwerken in Frühpension geschickt. Für den Pensionsexperten Bernd Marin ist das demoralisierend.

von Yvonne Widler

06/10/2016, 02:05 PM

"Man sieht, wie der internationale Wettbewerb beginnt, auch die letzten geschützten Werkstätten des öffentlichen Wirtschaftens aufzumischen", sagt der Sozialwissenschaftler und Pensionsexperte Bernd Marin und bezieht sich dabei auf die angekündigte Frühpensionierungswelle der Wiener Stadtwerke. Während sich früher milliardenschwere Rücklagen von mehr als 20 Prozent des Personalaufwands auf den Strompreis und die Kunden überwälzen hätten lassen, könne dieser Wettbewerbsnachteil der Wien Energie nicht länger am Rücken der Letztverbraucher abgeladen werden. Wettbewerb gehe allmählich auch an halbstaatlichen und lokalen Branchenriesen nicht vorüber, werde dort aber typischerweise noch mehr sozialisiert als im privaten Sektor.

"Private können davon nicht einmal träumen"

Man hätte das auch in anderen Bundesländern gesehen, von der Salzburg AG bis KELAG oder EVN, jetzt bei der Wien Energie. "Jahrzehnte hindurch ein Schlaraffenland an Arbeits- und Ruhestandsbedingungen, von denen Arbeitnehmer in privaten Unternehmen nicht einmal träumen konnten. Doch was betriebswirtschaftlich nötig und verständlich ist, trifft gesamtwirtschaftlich den Steuerzahler, der nun auch noch einmal die Frühpensionierungswelle samt Extrawürsten wie 80 Prozent des Letztbezuges und zweieinhalb Monatsgehälter - sogenannte "Treuezahlung" - auf viele weitere Jahrzehnte alimentieren muss", sagt Marin. Das bedeute viele Hunderttausende Euro Zuschussbedarf pro Kopf für 850 bis 900 Mitarbeiter und hunderte Millionen Mehrkosten für die Wien Energie und andere stadteigene Firmen.

Redlich verdient?

"Was daran 'redlich verdient' sein soll, wie ein Unternehmensprecher sagt, ist rätselhaft, es sei denn, man hält solche Sonderpensionszusagen und Privilegien für Mitarbeiter der Stadtwerke gegenüber ASVG-Normalbürgern mit ebenfalls mehr als 40 Arbeitsjahren für normal und akzeptabel", sagt Marin. Dass die bestehenden Formen der Altersteilzeit auch keine brauchbare Alternative wären, sei hier nur ein geringer Trost. "Die Signalwirkung solcher privilegierter Frühpensionierungswellen ist natürlich verheerend und demoralisierend für alle Bevölkerungsgruppen, bis auf die Nutznießer."

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