Die zwei Gesichter der Gumpendorfer Straße

Die wichtigste Straße im 6. Bezirk ist Wohn- und Einkaufstraße ebenso wie eine Verkehrsachse. Hier treffen Möbelmeile, Gastro-Cluster und Drogen-Hotspot aufeinander. Heute tritt die neue Bezirksvorsteherin Julia Lessacher (SPÖ) ihr Amt an: Ob sie reüssiert, wird sich auch an der Weiterentwicklung der „Gumpi“ bemessen.
Suchthilfe Zentrum, Jedmayer, Gumpendorfer Straße, Mariahilf

Irgendwo auf den 2.500 Metern der Gumpendorfer Straße liegt dieser eine Punkt, an dem sich ihr Gesicht wandelt. Er trennt (aus der Innenstadt kommend) „die gute Seite“ von der „nicht ganz so guten Seite“ (in Richtung Gürtel).

Der Punkt ist nicht genau verortbar, er verschiebt sich immer wieder, aber er ist da. Und er erzählt viel über die Straße, die den 6. Bezirk nicht nur als Hauptverkehrs-, sondern als Lebensader in seiner vollen Länge durchzieht.

Vielleicht liegt der Punkt derzeit rund um die St.-Ägyd-Kirche, auf deren Vorplatz jeden Donnerstag ein gut frequentierter Markt aufgebaut wird; und an dem, sobald es wärmer wird, sich der Bezirk in der Pizzeria trifft. (Die Jungen, Hippen gehen gegenüber in die „Disco Volante“.)

Eigene Touristenattraktion

Blickt man von hier stadtauswärts, beginnt die sogenannte Möbelmeile, die sich selbst damit bewirbt, dass in den (vor allem) Küchenstudios hier mehr als 130 Marken ausgestellt sind. Und je weiter man in Richtung Gürtel wandert, desto offensichtlicher wird ein Problem, das die Straße immer wieder negativ in die Medien bringt: der Drogenkonsum.

Blickt man von der Kirche aus hingegen stadteinwärts, kommt man an Kult-Geschäften wie der familiengeführten Fleischerei „Ringl“ ebenso vorbei wie an immer wieder neuen, jungen Geschäften und Lokalen. Richtung Ring wird es richtig innenstädtisch. Und mit dem Haus des Meeres (Stand 2024: mehr als eine Million Besucher) hat man sogar eine eigene Touristenattraktion.

Mariahilf, Gumpendorfer Straße, Wien

Die Kreuzung bei der Kirche: Ungefähr hier treffen die „gute“ und die „nicht so gute“ Seite der Straße aufeinander.

Die neue Bezirksvorsteherin Julia Lessacher (SPÖ), die am Freitag offiziell ihr Amt antritt, wird sich auch daran messen lassen (müssen), wie ihr die (Weiter-)Entwicklung der Gumpendorfer Straße gelingt. Keine ganz leichte Aufgabe. Denn die Anforderungen und die Bedürfnisse derer, die hier leben und arbeiten, sind vielfältig. Das hat damit zu tun, dass sich die Straße bis heute nicht entscheiden kann, was sie eigentlich ist: Sie ist eine Einkaufsstraße, klar. Sie ist aber auch eine Wohnstraße. Nicht zuletzt ist sie aber eine Verkehrsstraße.

"Hochwertiger Gastro-Cluster"

„Die Gumpendorfer Straße fungiert als Verkehrs-Bypass für die Mariahilfer Straße“, sagt Wolfgang Richter, Stadtplaner und Gründer von RegioPlan Consulting, der die Wirtschaftsdaten der Straße im Blick hat. „Unter dem Verkehr haben die Aufenthalts- und Gestaltqualität der Straße stark gelitten.“ Eine „positive Entwicklung sei „so nur schwer möglich“, sagt Richter.

Dabei hätte die Straße alles, was es braucht: „Sie finden an beiden Seiten wunderschöne Straßenfronten, nahe der Innenstadt hat sich ein hochwertiger Gastro-Cluster gebildet“, sagt Richter. „Und dennoch gibt es entlang der Straße wenig Orte, an denen man richtig Platz nehmen kann.“

Gumpendorfer Straße

Debatte über Umgestaltung

Tatsächlich dominiert die Debatte über die Gestaltung der Straße die Bezirkspolitik seit Jahren. Es gab bereits 2015 Verkehrszählungen mit rund 10.000 Kfz pro Tag; die Grünen im Bezirk schätzen den Durchzugsverkehr auf bis zu 32 Prozent des Gesamtverkehrs und maßen Lautstärken von bis zu 75 Dezibel. Anlässe dafür, eine Verkehrsberuhigung auf den Weg zu bringen.

Als nach langen Debatten fast alles in trockenen Tüchern schien, kam im Oktober des Vorjahres die Überraschung: Die rot-pinke Stadtregierung sagte die Umgestaltung der Gumpi im Zuge ihres Sparpakets ab – zumindest für zwei Jahre. 70 Millionen Euro hätte das Großprojekt, dessen erster Bauabschnitt (vom Getreidemarkt bis zum selbst längst sanierungsbedürftigen Apollo-Kino) bereits starten hätte sollen, gekostet. Die Stadt gab die Förderungen nicht frei.

Geplant waren Maßnahmen zur Oberflächengestaltung (bis zu 200 neue Bäume waren versprochen) und zur Verkehrsberuhigung; an die geltende 30er-Zone hält sich hier kaum jemand. Die Gumpendorfer Straße, so hieß es, solle endlich so schön werden wie der Rest des Bezirks.

"Einzelmaßnahmen"

Dass das Projekt gestoppt ist, dazu gibt es im Bezirk viele Meinungen. Bei der großen KURIER-Regionalumfrage Ende des Jahres zeigten sich 38 Prozent über die Sparmaßnahme „verärgert“, die Mehrheit von 62 Prozent stört sich nicht daran, dass vorerst alles so bleibt, wie es ist.

Obwohl, ein bisschen etwas hat sich getan: Der Bezirk versucht, „Einzelmaßnahmen“ umzusetzen. Eine solche ist etwa eine neuartige „Grätzlladezone“ , in der man nicht nur wochentags, sondern auch an Samstagen zu den Geschäftszeiten zehn Minuten halten darf – etwa, um schnelle Erledigungen zu machen. Die neue Zone, nahe der St.-Ägyd-Kirche gelegen, sorgt im Bezirk zumindest für Verwirrung. Die ÖVP bringt in der nächsten Sitzung des Bezirksparlaments einen Antrag auf Überprüfung ein. Denn wirklich gut angenommen wird die Zone nicht.

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Das neue Modell der „Grätzlladezone“ nahe der St.-Ägyd-Kirche ist (noch?) umstritten. 

Ein Grätzel wie ein Dorf

„Kein Wunder“, sagt Walter Ranftl. „Bei dem Schilderwald kennt sich ja keiner mehr aus.“ Ranftl ist Chef von „Walter’s Küche“ (sein Motto: „Hier kocht der Chef persönlich – probieren Sie es trotzdem“) und ein Unikat. Seit mehr als 40 Jahren betreibt er sein gutbürgerliches Wirtshaus auf der Gumpi. Die Stammgäste, die er beim Eintreten mit dem Namen und einem passenden Schmäh begrüßt, kennen ihn sowieso. Alle anderen irgendwie auch, nicht zuletzt, weil er mit Hund „Puma“ gerne durch den Bezirk flaniert. Was er an der Gegend mag: „Es steckt ja schon im Namen. Gumpendorf ist irgendwie ein Dorf.“

„Die Verkehrsberuhigung war ein Jahrhundertprojekt“, sagt Ranftl. „Leider hat die Politik vergessen, ans Geld zu denken.“ Das Grätzl, das habe sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt, sagt er. Mit seinem kulinarischen Angebot (von der gebackenen Kalbsleber bis zum Reisfleisch findet man hier alles, und das ungewohnt preiswert) sei er mittlerweile fast alleine, sagt Ranftl. „Zwischen Pizza, Asia-Nudeln und Kebap.“

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Walter Ranftl ist aus der Gumpendorfer Straße nicht wegzudenken: Seine „Walter’s Küche“ hat seit mehr als 40 Jahren geöffnet. 

Auch der Leerstand habe zugenommen. „Die Infrastruktur ist schlechter geworden“, sagt Ranftl. Eine Bankfiliale etwa gibt es schon lange nicht mehr. Stadtplaner und RegioPlan-Gründer Richter bestätigt: Die Leerstandsquote liege bei 8 bis 9 Prozent und damit leicht über dem Schnitt vergleichbarer Straßen. Noch viel problematischer: „Rund ein Drittel der bestehenden Unternehmen können nach unseren Schätzungen nicht mehr langfristig kostendeckend wirtschaften“, so Richter.

Freilich trifft das nicht auf jeden zu: Der bekannte Wiener Teppichhändler Omar Besim ist erst vor ein paar Jahren aus dem 1. Bezirk auf die Gumpendorfer Straße gezogen – und ist mehr als zufrieden. Das liegt nicht nur an der nahen „Möbelmeile“, an deren gutem (!) Ende er anschließt, und an den Parkplätzen, die es hier gebe – sondern auch am echten Leben hier: „Die Touristen in der Innenstadt kaufen ja keinen Teppich. Der 6. Bezirk hingegen ein echter Wohnbezirk.“ Perfekte Bedingungen für ihn – und ein guter Zugewinn für die Straße: Prestigereiche Geschäfte wie seines braucht es hier.

Porträt von Julia Lessacher in einem rosafarbenen Blazer.

Heute tritt die neue Bezirksvorsteherin Julia Lessacher (SPÖ) ihr Amt an.

Drogen-Hotspot

Auch, um das Image des Drogen-Hotspots zu bekämpfen: Denn spaziert man an der Gumpendorfer Straße weiter Richtung Gürtel, landet man irgendwann vor dem Suchthilfezentrum Jedmayer. Und bei seinen Klientinnen und Klienten, die sich in Grüppchen rund um die U-Bahn-Station Gumpendorfer Straße versammeln. Die meisten rauchen, gerne mit einem Bier in der Hand. Die vorübereilenden Passanten schenken ihnen kaum Beachtung.

Anders die Anrainer, die seit Jahren darunter leiden, dass sich die Suchtkranken hier im öffentlichen Raum spritzen. „Heute ist der erste schöne Tag und sie sitzen schon wieder auf den Bänken. Es ist faszinierend zum Zuschauen“, schildert Anwohnerin Verena H. Die Tür zu ihrem Haus musste im Vorjahr noch einmal zusätzlich verstärkt werden, da „sie sich mit einem Schraubenzieher Zutritt zum Haus verschafft haben“.

Fritz Imhoff Park, Mariahilf, Drogen, Gumpendorfer Straße

Suchtkranke konsumierten im Vorjahr im Fritz-Imhoff-Park, in der Nähe des Jedmayer. 

Manche Suchtkranke zieht es auch in den nahe gelegenen Fritz-Imhoff-Park. Fünf Gehminuten liegt der Park vom Jedmayer entfernt, die Szene hat sich vor allem im vergangenen Jahr hierher verlagert. Im Park stehen zahlreiche Bänke, auch ein Spielplatz ist dort angesiedelt. Die Anrainer können den Dealern direkt vom Fenster aus „bei der Arbeit“ zuschauen, an guten Schlaf ist oft nicht zu denken: „Sie schreien Tag und Nacht“, sagt eine Anrainerin.

Park soll eingezäunt werden

Wie es mit dem Drogen-Hotspot weitergeht, wird eines der großen Themen für die Bezirksvorsteherin. Besserung könnte in Sicht sein: Der Park soll nach KURIER-Informationen künftig eingezäunt werden, damit er nachts zugesperrt werden kann – und die Anwohner weniger belastet sind. Auch einige Sitzgruppen wurden schon entfernt, die Polizeipräsenz wurde erhöht.

Suchthilfe Zentrum, Jedmayer, Gumpendorfer Straße, Mariahilf

Die Polizei hat ihre Präsenz rund um die U-Bahn-Station und den nahen Fritz-Imhoff-Park verstärkt. 

Der Tenor (fast) aller hier: Sie wünschen sich mehrere Suchthilfezentren über die Stadt verteilt, nicht nur das eine. Das würde die Lage entspannen. Ein Rundruf bei den Parteien zeigt, dass man sich der Probleme bewusst ist. Die ÖVP bemängelt die „fehlende Unterstützung der Stadt“, die Grünen sprechen von der „großen Belastung der Anrainer“, die FPÖ will die Suchthilfe überhaupt „ins Gewerbegebiet auslagern“. Die Neos wollen – etwas unkonkret – „nachhaltige Lösungen“. Stadt und Polizei präsentieren im Frühjahr umfassende Maßnahmen.

Die Geduld der Anrainer wird schon lange auf die Probe gestellt. Bleibt zu hoffen, dass die Maßnahmen greifen. Dann könnte sich der Punkt, der die Gumpi teilt, erneut verlagern.

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