Chronik | Wien
05.06.2018

Lokalaugenschein in der City: „Putin ist viel zu lange Präsident“

Während die Österreicher in Wien demonstrieren, gehen die Russen lieber shoppen

Putin, Mörder, Putin, Terrorist!“ – mit diesen Sprechchören begrüßten seine Gegner den russischen Präsidenten am Dienstag am Heldenplatz. Näher durften die rund 50 Demonstranten nicht an den Ballhausplatz heran, wo Putin derweil mit militärischen Ehren empfangen wurde. Die Gegner setzten sich aus vielen Nationalitäten zusammen. Georgische, tschetschenische, ukrainische und auch österreichische Fahnen wehten dem russischen Präsident entgegen. „Ich bin Sowjetbürger. Putin hat der österreichischen Regierung zur Macht verholfen, so wie vielen anderen Rechten in Europa. Darum empfangen sie ihn so gerne hier. Aber in Russland verhungern die Menschen“, sagte Demonstrant Vladimir V. Slisov.

Herbert Feigl, ein Österreicher wie er betont, ist schon länger in der tschetschenischen Community vernetzt und auch zum Heldenplatz gekommen: „Mir gefällt ihr Patriotismus. Putin ist der Kriegstreiber, da braucht man nur nach Syrien schauen. Die österreichische Regierung empfängt den nur, weil sie sich nach ihrer Politikkarriere Chancen auf lukrative Jobs ausrechnen.“

Unbeeindruckt

Am Graben in der Wiener Innenstadt spürt man Dienstagmittag von dem hohen Staatsbesuch nahezu nichts. Eine leicht erhöhte Polizeipräsenz fällt auf. Aber sie geht in den Dutzenden Reisegruppen unter. Kurz nach Mittag schlendert der gebürtige Russe Alexander R. an der Pestsäule vorbei. In jeder Hand hat er eine große Einkaufstasche. Er ist vor zehn Jahren aus beruflichen Gründen nach Wien gezogen. Dass Wladimir Putin Wien besucht, weiß er. Gedanken macht er sich darüber keine. „Die westliche Presse macht sich dafür viel zu viele“, meint er. „Sie sind es, die Putin groß gemacht haben. Weil sie nicht nur darstellen, sondern bewerten.“ Er schüttelt den Kopf und geht weiter.

Wenig später spaziert die gebürtige Russin Olga K. über den Graben. Sie lebt mit ihrem Ehemann ein wenig außerhalb von Wien und nutzt den Tag in der Stadt für Besorgungen. Auch sie lässt der Staatsbesuch kalt. Ihr Ehemann schaltet sich dann doch kurz ein: „Putin ist schon viel zu lange Präsident. Er soll in Pension gehen“, sagt er verärgert. Seinen Namen möchte er nicht nennen. Sie seien ja auch nach Wien gezogen, um nicht mehr so viel mit der russischen Politik zu tun zu haben.

Immer mehr Zuzug

Die Zahl der russischen Staatsbürger steigt in Österreich seit vielen Jahren kontinuierlich an. 34.380 Russen leben laut Statistik Austria mit Stichtag 1.1.2018 in Österreich; vor zehn Jahren waren es nur 23.505 Personen. Ziemlich genau die Hälfte, 17.942 Russen, lebt aktuell in der Bundeshauptstadt.

Die Geschäfte, vor allem im Bereich Goldenes Quartier, Graben, Kohlmarkt, haben schon vor Jahren auf die Kundengruppe reagiert und russischsprachige Mitarbeiter eingestellt. Nicht nur wegen der Russen, die in Wien leben, sondern auch wegen der Touristen. Befindet sich Russland doch aktuell auf Platz 8 im Ranking der stärksten Herkunftsnationen. Tendenz wieder steigend. Aufgrund der Ukraine-Krise im Jahr 2014, den daraus resultierenden EU-Sanktionen und der Abwertung des Rubels hatte es starke Rückgänge gegeben. Teilweise bis zu 30 Prozent.

Seit zwei Jahren fliegen die Russen aber wieder auf Wien. Das vergangene Jahr schloss mit 437.000 Nächtigungen aus Russland und einem Plus von 31 Prozent ab. Und auch von Jänner bis April konnte der Wien-Tourismus heuer neuerlich einen Gewinn von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verzeichnen.

Kultur statt Shoppen

Spüren die Geschäfte in der City den Aufwind? „Wir hatten eigentlich nie einen Rückgang“, meint eine Mitarbeiterin bei Prada. „Wir haben viele russische Stammkunden. Die sind uns in der ganzen Zeit treu geblieben.“

Anders bewertet man die Situation in der Luxus-Boutique „Edition K“ in der Seilergasse. „Die russischen Gäste, die Wien vermehrt besuchen, kommen eher aus der Mittelschicht“, sagt Verkäuferin Tamara. „Für sie steht die Kultur im Vordergrund, nicht so sehr das Shoppen.“

Xenia und Kate, die sich dem KURIER als russische Touristinnen vorstellen, bestätigen das. Sie seien ja eigentlich nur wegen der Kultur nach Wien gekommen. Der Stephansdom habe ihnen besonders gut gefallen. Aber sie hätten nur einen Tag Zeit. Dass Putin ausgerechnet genau am selben Tag wie sie in Wien ist, haben sie nicht gewusst und finden das ziemlich lustig. Obwohl, räumt Xenia dann ein, „richtige Russinnen“ seien sie ja nicht. Sie kommen ja eigentlich aus der Ukraine.