Seit 100 Jahren: Dieses Urwiener Wirtshaus ist eine Legende
Peter Czaak war junge 23 und hatte noch einiges vor in seinem Leben, ehe er vorzeitig den Thron bestieg.
Von Achim Schneyder
In der rechten Hand der weiße Spritzer, das angegraute und etwas längere Haupthaar akkurat nach hinten frisiert und dort zum Zopf gebunden und die Kochjacke bereits übergestreift, denn bald beginnt seine Schicht. So sitzt er da am Hochtisch mit Blick auf die gegenüberliegende Schank, während die neben ihm gerahmt an der Wand hängenden Schriftstücke, die allesamt mit der Lokalität oder ihren ehemaligen Betreibern zu tun haben, von der Vergangenheit erzählen.
Und dann erzählt er, der Peter. Der Peter Czaak, in vierter Generation Herr über dieses unverwüstliche urwienerische Wirtshaus mit dem schlichten Namen „Beim Czaak“, gelegen in der Postgasse im Ersten Bezirk, dort, wo sich früher auch die Hauptpost befand. „Aber ‚Beim Czaak‘ heißt’s erst, seit ich es führe, also seit 1994. Davor war’s die ‚Gaststätte zur Hauptpost‘. Aber nachdem damals schon klar war, dass die Post in den Dritten übersiedelt, ist mir die Namensänderung durchaus passend erschienen.“
Das Haus, in dem sich das Lokal befindet, wurde in der Zeit von 1902 bis 1907 erbaut, nachdem der frühere Gebäudekomplex, einst Heimat des legendären Hotels „Zur Stadt London“ mit prominenten Gästen wie Frédéric Chopin, Franz Liszt und Richard Wagner und später bekannt als „Hotel Rabl“, 1901 teilweise niedergerissen worden war. „Und dann gab’s im neuen Haus im Erdgeschoss eine große Weinstube, die zum Dominikanerkloster gehört hat, später aber umgebaut und in vier kleinere Lokalitäten unterteilt wurde. Und eine davon hat sich mein Urgroßvater Matthias Czaak geschnappt, weil er nicht genügend Geld hatte, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen, denn eigentlich wollte er ja das ‚Café Central‘ kaufen.“
So aber hat er kein Kaffeehaus übernommen, sondern 1926 ein Gasthaus eröffnet, um Wirt Matthias I. zu werden.
Brezen und Bier
Auf Wirt Matthias I. folgte 1957 erst Matthias’ Witwe Maria, ehe der gemeinsame Sohn das Medizinstudium schmiss, um anstelle seines im Krieg gefallenen Bruders Erich ab 1959 als Wirt Leopold II. die Geschicke des Lokals zu lenken. „Leopolds Frau Anna, meine Oma also, soll großartig gekocht haben, drum hat der Laden bald wieder gebrummt. Aber als die Oma 1973 gestorben ist, gab’s plötzlich nix Warmes mehr zu essen beim verhinderten Mediziner, sondern nur noch Bier und Brezen und so Sachen. Hat aber auch funktioniert.“
- Wo?
Postgasse 15, 1010 Wien, 01/5137215, czaak.com. - Wann?
Mo. – Sa. von 11.30 bis 23 Uhr. - Was und wie viel?
Tagesteller 12,90 €, mit Suppe oder Salat 14,90 €; wöchentlich wechselnde Karte, dazu Standardkarte: Frittatensuppe 5,90 €, Chili-Käsedebreziner mit Senf/Kren 10,90 €, Bratlcarpaccio 10,90 €, Beef Tatar 14,90 €; div. Salate 14,90 €, Backhendl 20,90 €, Zwiebelrostbraten 28,90 €, Schinken- fleckerl 12,90 €, Rib Eye Steak 34,90 €, Krautfleckerl 15,90 €, Spinatnudeln 16,90 €; Desserts von 5,20 € (Eismarillenknödel) bis 12,90 € (knusprige Apfelradln). - Warum?
Weil’s ein richtiges Wiener Original ist, exzellente Speisen, beste Weine, sehr stimmiges Ambiente, bestens gelegen im Ersten Bezirk und weil der Wirt so ein g’standener und sympathischer Kerl (und Koch) ist.
Nachdem Matthias I. und Leopold II. anlässlich des 100. Geburtstages der ehemaligen „Gaststätte zur Hauptpost“ bereits im März respektive im Juni mit Livemusik, Wiener Schmankerln und einer Weinpräsentation gefeiert wurden, ist am 1. August der nächste im familiären Bunde an der Reihe: Wirt Werner III., Peters Vater. Reservieren übrigens ratsam!
„Der Papa hat 1980 gemeinsam mit meiner Mutter Margit übernommen“, sagt Peter. „Da war ich neun. Und als ich älter wurde, hab’ ich mir auch nicht unbedingt vorstellen können, Gastronom zu werden, aber ich hab’ trotzdem die Gastgewerbefachschule g’macht. Und gut war’s. Nach der Schule bin ich auf ein Schiff, danach als Barkeeper in die gehobene Gastronomie auf den Arlberg und nach Saalfelden, doch dann kam die Meldung, dass es der Mutter gesundheitlich nicht gut gehen würde, worauf ich ab nach Hause bin.“
So begann 1994 die Regentschaft von Wirt Peter IV. „23 war ich damals. Und hätte eigentlich noch andere Dinge vorgehabt mit meinem Leben, aber was soll’s, kam halt anders. Dann hab ich die Schank hergerichtet, die Neonröhren abmontiert und gleich mehrere von meinen Vorgängern verlegte Schichten Linoleum rausgerissen, bis ein wunderbarer Holzboden zum Vorschein kam. Und auch die Küche hab ich neu gemacht. Apropos: Willst was essen?“
Natürlich will ich. Und dann sitze ich draußen im neuen Gastgarten, der deswegen neu ist, weil der Platz vor dem Lokal in den vergangenen gut zehn Jahren umgestaltet wurde, sprich Großbaustelle. „Das war so laut, dass wir von Baubeginn bis heuer nur am Abend offen hatten, Mittag war mehr oder weniger undenkbar. Selbst drinnen nicht. Aber jetzt kommen in ihren Mittagspausen wieder viele Wiener. Schmeckt’s?“
Der klassische Gastraum mit dem alten Holzboden.
Und wie! Herrlich das Bratlcarpaccio mit der Kernölmarinade und den Speckkrusteln, großartig und wunderbar knofelig die Schinkenfleckerl, allerdings keine überbackenen, weil so mag’s der Chef nicht. „Wer hat die gekocht, während wir plaudern?“ „Mein Sohn Alexander. Der ist 18 und wird früher oder später übernehmen.“
Die Schinkenfleckerl beim Czaak: herrlich knofelig.
Die Thronfolge scheint also gesichert, Wirt Alexander V. wird dereinst das Czaak-Zepter hochhalten. Aber jetzt werden erst einmal Wirt Werner III. und Wirt Peter IV. gefeiert. Letzterer am 3. Oktober. Reservieren, ehschowissen.
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