© Nihad Amara

Chronik Wien
12/05/2011

Kurzzeit-Mamas in Wien dringend gesucht

Wenn Babys akut gefährdet sind, springen Kurzzeitpflege-Eltern ein. Der KURIER besuchte eine Ersatz-Mama.

von Nihad Amara

Schnuppe, ich bin schon da, ist schon gut." Leonie, 10 Monate alt, steht die Zornesröte ins Gesicht geschrieben. Irgendetwas passt der Kleinen gar nicht. Vielleicht die fehlende Aufmerksamkeit? Petra Piribauer holt Leonie in ihrem pinkfarbenen Strampler zu Tisch. Das Geschrei reißt ab. Große braune Augen kommen hervor, suchen neugierig die Küche ab.

Die 39-jährige Wienerin bekam Leonie über Nacht geliefert. Eineinhalb Stunden hatte die Krisenpflege-Mutter Zeit, um sich vorzubereiten: Windeln besorgen, Gewand und Spielsachen hervorkramen, Termine absagen, Babynahrung einkaufen.

Petra Piribauer ist eine von 45 Wiener Krisenpflege-Müttern die bis zu drei Jahre alte Kinder aufnehmen, pflegen und ihnen über ihre erste Lebenskrise hinweghelfen. Rund 200 Babys und Kleinkinder werden jährlich in Wien wegen "Gefahr in Verzug" vom Jugendamt den leiblichen Eltern weggenommen. Die Kinder sind Opfer, wurden vernachlässigt, geschlagen, sind vereinsamt oder sie wurden gar missbraucht. Einige kommen als Drogensüchtige zur Welt.

Sie landen bei Piribauer und ihren Kolleginnen. Für Tage, Wochen oder Monate. Mit dem steigenden Bedarf an Akut-Betreuung kann die Zahl an Plätzen nicht mithalten. "Wir könnten doppelt so viele brauchen", sagt Herta Staffa vom Amt für Jugend und Familie (MA 11). Das ist nicht mehr als ein frommer Wunsch, denn die Arbeit ist beschwerlich, ein physischer und emotionaler Grenzgang, der auch noch schlecht entlohnt wird. Rund 940 Euro monatlich zahlt die Stadt pro Kind.

Doppelt belegt

Piribauer ergeht es momentan wie vielen anderen Krisenmüttern: Sie ist doppelt belegt, kümmert sich um Leonie und den sechs Monate alten Marco - und nebenbei um ihre eigenen drei Kinder. Seit 2009 hat Piribauer 14 Kinder betreut. Die 39-Jährige ist die wichtigste Bezugsperson für die "Gastkinder", wie Piribauer sie nennt. Sie versucht, nicht über die Eltern ihrer "Gastkinder" zu urteilen, sich bei Besuchskontakten neutral zu verhalten, sich abzukapseln, sich nicht über die Zukunft der Kinder den Kopf zu zerbrechen. "Meine Aufgabe ist es, in der vorgesehenen Zeit für die Kinder da zu sein." Und gelingt das? "Ich bemühe mich. Oft würde ich am liebsten mit den Kindern mitweinen."