© Andrea Stejskal

Chronik Wien
07/15/2021

Kunst-Pop-Up in der verlassenen Semmelweisklinik

Kreißsäle, OP und Krankenzimmer sind im Herbst Ausstellungsräume - alles darf verändert, auch abgerissen werden.

von Alexandra Mayer-Rohrmoser

Verboten fühlt es sich an, durch die verlassenen Gänge zu gehen und in die Krankenzimmer zu schauen. Aber genau darum geht es bei der Presse-Besichtigung der Semmelweisklinik, die im Herbst mindestens 130 Künstlern über sechs Tage eine Bühne geben wird.

Da, wo einst so viele Babys ihren ersten Schrei taten, findet von 7. bis 12. September das neunte Kunstspektakel von Parallel Vienna statt. Etwa 150 Räume wie Krankenzimmer, Kreiß- und OP-Säle, werden von Künstlerinnen und Künstlern umgestaltet. Sie haben dabei völlig freie Hand.

Die teilweise verbliebenen Krankenhausmöbel und Geräte dürfen verwendet und verändert aber auch weggerissen werden. Sogar die Wände dürfen die Künstler bemalen, bekleben, wenn nötig auch durchbohren. Seit dieser Woche dürfen die Künstler, die ihnen zugeteilten Räume einmalig besichtigen.

Erst eine Woche vor der Messe dürfen die Künstler mit der Umsetzung ihrer Interpretationen starten. „Das ist eine besondere Zeit. Manche werden fast Tag und Nacht hier sein.“, sagt Julia Harrauer, Kreative Assistentin bei Parallel.

Der künstlerische Leiter ist Stefan Bidner. Er schwärmt vom Semmelweis Areal. Es sei ein geschichtsträchtiger Ort, der viele Analogien erlaube. Semmelweis sei ein der Hygiene-Pionier gewesen, der vielen Frauen das Leben rettete.

Aber er wurde auch gemobbt und seine Expertise von vielen anfangs verkannt. Das träfe auch immer wieder auf Künstler zu und auf andere aktuelle gesellschaftlich relevante Themen. Er freue sich auf die Messe an diesem besonderen Ort.

Von der ersten Durchsicht der Werke der Künstler könne er sagen, dass das Thema Natur sehr präsent werde. „Viele werden sich auch mit dem Ort an sich beschäftigen.“

Stefan Bidner, künstlerischer Leiter bei Prallel Vienna

Parallel Team

  Geschäftsführer Kaveh Ahi und Daniel Haider, Stefan Bidner, Artistic Director, Hannah Doppel, Event Managerin

Die Parallel Gruppe sucht und fördert jedes Jahr 30 junge, in Österreich lebende Künstler. Manche schaffen es in Galerien und können ihre Kunst verkaufen. Einer von ihnen war Christian Rosa, der mittlerweile international tätig ist und in Los Angeles lebt.

Die geförderten Künstler dürfen auf der Messe gratis ausstellen. Die Räumlichkeiten wechseln jedes Jahr, letztes Jahr war es das alte Gewerbehaus im dritten Bezirk in Wien. Wenn das Messe-Areal Geschichte hat wie eben die Semmelweis-Pavillons, sind die geförderten Künstler aufgerufen, sich bei ihrer Interpretation dem Ort auseinanderzusetzen, Zwang besteht aber nicht.

Die restlichen Aussteller sind Künstler, Galerien, künstlerische Projekte und Interventionen. Die nun neunte Ausgabe der Kunstmesse soll auch ein Erlebnispark werden. Zwei Häuser, die ehemalige Hebammenschule und das Gebäude mit der Wochenbettstation, werden fix bespielt. Angedacht ist ein weiteres für digitale Kunst.

Gastro-Angebot

Dazwischen im Park wird es Gastronomie und Musik geben. Dass die Klinik nicht zentral liegt, sei auch ein Vorteil, dass sich die Besucher vielleicht auch mehr Zeit nähmen, so die Veranstalter. Ein Shuttlebus-Service sei in Planung.

Sichtlich stolz ist die Gruppe, dass die Messe im vergangenen Jahr trotz Pandemie stattfinden konnte. „Wir haben dann auch begonnen, selbst ein bisschen Kunst-Handel zu betreiben. Es blieb uns nichts anderes übrig. 2019 und 2020 wussten wir nicht, wie es mit uns weitergeht.“, sagt Kaveh Ahi, der zweite Geschäftsführer.

Dankbar sei man dabei besonders für die Unterstützung von namhaften Künstlern wie beispielsweise Erwin Wurm und Brigitte Kowanz. Sie entwarfen eigens für Parallel, die Gruppe produzierte Editionen und profitierte vom gemeinsamen Erlös. „Das war auch eine Bestätigung für uns, dass wir richtig gearbeitet haben.“, so Ahi.

 

Die Parallel Vienna versteht sich als Plattform für junge wie auch etablierte Kunst und zeigt die unterschiedlichsten Szenen, Communities und Schauplätze Wiens. Aktuell ist auch ein Projekt in Oberösterreich angedacht. Parallel Vienna nutzte in der Vergangenheit verschiedene interessante Leerstandsgebäude als Plattform für Gegenwartskunst.

Dadurch wurden einzigartige Rahmenbedingungen für innovative Ausstellungskonzepte geschaffen. Wiener Strömungen künstlerischen Schaffens wurden mit internationalen künstlerischen Tendenzen vereint. Vor allem die junge Kunstszene von der aktiven Vernetzung auf den Messen und durch die Begleitung von Parallel Vienna profitieren.

Die Krisenzeit dürfte das Selbstbewusstsein der Gruppe jedenfalls gestärkt haben. Der Termin für die Messe wurde dieses Mal unabhängig von anderen Messen festgelegt. „Wir haben uns davor immer an die Vienna Contemporary gehalten, dieses Mal aber autonom entschieden.“, so Ahi weiter. Er lacht und sagt verschmitzt „Wir sind jetzt also parallel zu uns selbst.“

Emanuel Gollob - die Skulptur bewegte sich während der Ausstellung kontinuierlich

Erwin Wurm

Erwin Wurm

Erwin Wurm

Denise Rudolf Frank

Le Nouveaux Riches

Brigitte Kowanz

Brigitte Kowanz

Brigitte Kowanz

Das Areal geht bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zurück, damals als Gerstlerhof, später als Gersthofer Schloss. Später wurde die Anlage in Richtung Bastiengasse 36 bis 38 nach Plänen der Architekten Karl Otto Limbach und Max Haupt erweitert und als Kinderheim betrieben.

1922 übernahm die Stadt Wien und 1943 startete die Semmelweis-Frauenklinik und entwickelte sich zu einer der wichtigsten Gebärkliniken Wiens. Die Belegschaft übersiedelte 2019 in das Krankenhaus Nord.

Ignaz Phillipp Semmelweis setzte sich einst für die Einführung von Hygiene-Maßnahmen bei Geburten ein, nachdem viele Frauen, die in Spitälern gebaren, nach der Geburt starben und er Zusammenhänge mit mangelnder Hygiene erkannte.

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