Stopp in Wien: Ex-Krebspatient radelt 8.000 Kilometer bis Indien
Wenn John Müller am Mittwoch Wien erreicht, liegen noch Tausende Kilometer vor ihm. . Insgesamt will der 24-Jährige in nur 80 Tagen rund 8.000 Kilometer mit dem Fahrrad zurücklegen – um auf junge Krebspatienten aufmerksam zu machen und Betroffenen Mut zu geben. Sein großes Ziel ist aber das rund 8.000 Kilometer entfernte Taj Mahal in Indien.
Wien ist dabei mehr als ein Zwischenstopp. Seit dem 8. Mai sitzt Müller täglich auf dem Fahrrad, kämpft sich durch Regen, Kälte und sogar Schnee bei zwei Grad. Rund 680 Kilometer hat er bereits hinter sich. Umso mehr freut sich der Deutsche auf seinen Aufenthalt in der österreichischen Hauptstadt. „Ich war noch nie in Wien und möchte unbedingt einen Tag bleiben“, erzählt er im Gespräch mit dem KURIER. Nach Tagen auf dem Fahrrad wolle er hier durchatmen, Kraft sammeln – und wenn möglich auch ein Spital besuchen, um mit Patienten zu sprechen.
Gemeinsam radeln
Bevor Müller Wien wieder verlässt, lädt er gemeinsam mit dem Rosa Bike Shop Menschen ein, ihn ein Stück auf seinem Weg zu begleiten. Die gemeinsame Ausfahrt findet am kommenden Freitag um 8.30 Uhr statt. Treffpunkt ist vor der Hauptuniversität am Ring. Gemeinsam soll ein Stück durch Wien geradelt werden – als Zeichen für junge Menschen mit Krebs. Über der Tour steht ein Satz, der erklärt, warum Müller überhaupt losfährt: „Riding for the ones who can’t.“ – „Fahrradfahren für die, die es nicht können“.
Die Idee dafür entstand direkt im Krankenhaus: Falls er die Krankheit überlebt, wolle er etwas schaffen, auf das er stolz sein kann, erinnert er sich. Heute ist daraus Realität geworden: In 80 Tagen will er vom Brandenburger Tor bis zum Taj Mahal fahren.
Dabei geht es nicht nur um die sportliche Leistung, sondern um „die Kraft, die dahintersteckt“. Müller möchte Krebs enttabuisieren, vor allem bei jungen Erwachsenen. Unterwegs besucht er Krankenhäuser, spricht mit Patienten und sammelt Spenden. „Erst vor ein paar Tagen habe ich in Nürnberg zehn Krebspatienten besucht. Wir haben geredet, und ich habe zugehört. Das war unfassbar emotional“, so Müller.
Vertrauen von Fremden
Seine Strecke führt ihn quer durch zehn Länder. Von Deutschland ging es zunächst nach Österreich, danach soll die Route über Ungarn, Serbien und Bulgarien bis in die Türkei führen. Nachdem der Iran aus Sicherheitsgründen keine Durchreiseoption darstellt, wird Müller von Georgien über das Kaspische Meer und durch Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan bis nach Afghanistan und Pakistan reisen, bevor er schließlich Indien erreicht. Besonders die Grenze zwischen Pakistan und Indien gilt als schwierig. Müller bleibt erstaunlich gelassen: „Das ist dann ein Problem, wenn es so weit ist“, sagt er und lacht.
Nicht nur die Grenzübertritte, sondern die ganze Reise birgt Unsicherheiten. Für viele Orte entlang der Strecke hat Müller keinen fixen Schlafplatz organisiert, vieles entsteht spontan. „Immer wieder schreiben mir Menschen, bieten Essen, Unterkünfte oder Hilfe an. Das Vertrauen von Fremden ist wirklich unglaublich“, erzählt er über seine ersten Tage auf der Strecke. Auch Kleinigkeiten werden plötzlich zu Herausforderungen. Zu Christi Himmelfahrt etwa stand Müller hungrig vor geschlossenen Supermärkten und Restaurants. „Ich habe einfach nichts mehr zu essen gefunden, weil Feiertag war.“
Tagsüber fährt er oft stundenlang allein über Landstraßen, vorbei an Feldern und kleinen Orten, am Abend sucht er spontan nach einem Platz zum Schlafen. Erst vor wenigen Tagen kämpfte er sich bei Schneeregen spätabends bis nach Nürnberg.
„Teilweise war es wirklich nicht schön zu fahren“, sagt er. Trotzdem wirkt Müller erstaunlich ruhig und vor allem freudig. Vielleicht auch, weil die Reise ihm genau das zurückgibt, was ihm während seiner Krankheit gefehlt hat: Hoffnung.
Statt Krankenhauszimmern und Infusionsständern bestimmen heute Fahrradreifen, nasse Straßen und spontane Begegnungen seinen Alltag. Tausende verfolgen seine Reise inzwischen über Social Media. Wervia Instagram mitfahren möchte, kann das unter @8000km.live tun.
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