Wie Kaugummitautomaten in Österreich zum Kultobjekt wurden

Seit den 1950er-Jahren gibt es die Automaten mit den runden, bunten Kaugummis. Am Geschäftsmodell hat sich seither wenig verändert. Deren Ursprung aber liegt im Verkauf eines anderen Produkts.
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Wer kauft sie eigentlich noch? Die bunten, kleinen Kaugummis aus den Automaten, die  an Hauswänden und Straßenecken hängen. Und kauft sie überhaupt noch jemand? 

Für viele sind sie ein Stück Kindheit. Ein Dreh, ein Klicken – und schon kullert einem eine bunte süße Kugel in die Hand. Trotzdem bleibt die Skepsis: Werden die Automaten noch immer nachgefüllt? Wie alt sind die Kaugummis? Und wer kontrolliert, ob man sie überhaupt noch essen kann? 

Ein Tabuthema

Die Geschichte der Warenautomaten in Österreich beginnt in den 1950er-Jahren – doch nicht etwa mit Süßigkeiten, sondern mit einem Tabuthema: Kondomen. 

Ferry Ebert, der sich selbst als „Automatenpionier“  bezeichnet, hat die bunten Automaten damals überhaupt erst nach Österreich gebracht.  Durch Zufall, nämlich  einem Lieferfehler, landeten 300 Kondomautomaten  in Eberts Elternhaus. Sein damaliger Chef gab ihm daraufhin den Rat, die Automaten selbst in Österreich aufzustellen. Und auf die Frage, wie er das bezahlen solle, bekam Ebert die Antwort: „Die werden sich selbst bezahlen.“

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„Automatenpionier“ Ferry Ebert.

"Ein unangenehmer Artikel“

Seine Kondomautomaten versuchte er daraufhin in ganz Österreich  an den Mann und an die Frau zu bringen. Aufgehängt wurden sie vor allem  in WC-Anlagen und Gasthäusern.  „Damals gab es ja noch keine Drogeriemärkte. Ich bin von einem Wirt zum anderen gegangen“, sagt Ebert. Oftmals sei er abgewiesen worden, erinnert sich der 91-Jährige zurück. „Niemand wollte etwas damit  zu tun haben. Das Kondom war ein unangenehmer Artikel.“

Erst später erweiterte Ebert sein Angebot auf Süßigkeiten – unter anderem auf PEZ, Haribo und Kaugummis. „Es war eine liebliche Zeit. Die ganzen Automaten trugen nach außen das Kleid des Produktes.“ Sprich: Der Automat war bunt und großflächig mit dem Produktnamen bedruckt. „Das spielt es heute nicht mehr. Heute gibt es anonyme Verkäufer,  sogenannte Snackautomaten, in denen bis zu 30 Produkte anonym verkauft werden“, sagt Ebert.

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Sie hängen unscheinbar an Hauswänden und doch sind sie aus dem Wiener Stadtbild nicht wegzudenken.

Die Wende im Geschäft

Zu Ende ging das Geschäft des „Automatenpioniers“ mit der Einführung des Euro:  Die Umrüstung der alten Geräte von Schilling auf die neue Währung wäre zu teuer gewesen. Ferry Eberts Lebenswerk kann man deshalb nun nur noch in seiner Privatsammlung in Penzing bewundern, wo er neben einer Vielzahl an alten Automaten, Zeitungsartikeln und Aufzeichnungen  seiner Reisen auch Fotos und Erinnerungen seiner Familie ausstellt. 

Mit der Umstellung auf den Euro zum Jahreswechsel 2002/2002 endete aber nicht nur Eberts Geschäft. Es war auch die Zeit, als viele der Automaten aus dem Straßenbild Wiens verschwanden. Heute gibt es noch rund 1.200 Automaten in der Stadt und einige wenige Aufsteller, die diese noch befüllen. 

„Sind die abgelaufen?“ 

Kunden aber scheint es noch einige zu geben. Beim KURIER-Lokalaugenschein sind immer wieder Kinder zu sehen, die sich die runden Kugeln aus den Automaten schmecken lassen. Das gefällt nicht allen: „Also wenn ich ein Kind sehe, das etwas kaufen möchte, rate ich dem Kind davon ab. Wegen der Verschmutzung. Das kannst du ja nicht mehr essen. Das ist alles verbleit“, sagt eine  64-Jährige im Gespräch mit dem KURIER. Sorgen machen ihr die Abgase vom Verkehr.

Das Marktamt der Stadt Wien kann aber beruhigen: Man sei laufend mit den Aufstellern in Kontakt, sagt Sprecher Alexander Hengl.  „Kaugummiautomaten sind sehr pflegeleicht, auch für die Lebensmittelkontrolle selbst. Weder Schadstoffe noch Hygieneprobleme stellen aktuell ein Risiko dar.“ Auch der Bleigehalt werde im Labor untersucht.  Wie bei allen Schwermetallen gebe  es auch bei den Automatenkaugummis eine Höchstgrenze für die Belastung. Überschritten worden sei diese aber noch nie.

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Alexander Hengl vom Marktamt Wien.  

Alter der Kaugummis wird kontrolliert

Teil der Kontrolle sei zudem das Alter der Kaugummis. „Die Rückverfolgbarkeit ist  ein riesengroßes Thema bei Lebensmittelkontrollen. Bedeutet, wir müssen natürlich wissen, was das ursprüngliche Haltbarkeitsdatum oder Verpackungsdatum, der Ware ist“, so Hengl. Das lasse sich mithilfe der Aufsteller aber leicht eruieren. Untersucht werden neben den Kaugummis übrigens auch die kleinen Spielzeuge, die sich in einigen der Automaten befinden.  „Spielzeug ist in Österreich ein Lebensmittel, das ist im Lebensmittelrecht verankert“, erklärt Hengl. 

Und auch auf die Frage, ob sich die Automaten wirtschaftlich überhaupt noch auszahlen, gibt es vonseiten des Marktamtes eine klare Antwort: Das Geschäft funktioniert noch immer.

Das heißt wohl, dass die kleinen Automaten mit den bunten Kugeln dem Wiener Stadtbild noch einige Zeit erhalten bleiben. Auch 70 Jahre nach ihrer Einführung.

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