Chronik | Wien
11.01.2018

Kind soll zu Missbrauch befragt werden

Gutachter erklärt, wie vierjährige Schwester des im SMZ-Ost getöteten Babys vernommen werden soll.

Eine Woche ist es her, dass ein acht Monate alter Bub in Wien offenbar von seiner Mutter erstickt worden sein soll. Sowohl die 37-Jährige als auch ihr Schwiegervater sitzen nun in Untersuchungshaft, denn der Pensionist soll indirekt der Auslöser für die Tat gewesen sein. Der ehemalige österreichische Botschafter soll sich während der Weihnachtsfeiertage an seiner vier Jahre alten Enkelin sexuell vergangen haben.

Der Mann bestreitet die Vorwürfe, wie sein Anwalt Rudolf Mayer erklärt. Sein Mandant verstehe nicht, warum das Kind die Anschuldigungen gemacht habe.

Der nächste Termin, der die Hintergründe des Vorfalls klären könnte, steht in etwa zwei Wochen an. Dann soll das vierjährige Mädchen in einer sogenannten kontradiktorischen Befragung die Vorkommnisse schildern. Das Mädchen wird dabei gesondert vernommen, damit es nicht auf den Verdächtigen treffen muss. Diese Form der Befragung ist in so einem Fall üblich.

Vernehmung

So wie viele Fernsehzuschauer es aus Krimis kennen, läuft die Vernehmung eines Kindes nicht ab, wie Gerichtssachverständiger und Psychologe Matthias Herzog erklärt: "Kindern fällt es bis zum siebten Lebensjahr schwer, zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden. Daher werden keine Puppen benutzt, und die Kinder werden auch nicht aufgefordert, Bilder zu zeichnen. Diese Methoden können dieses Problem noch verstärken." Es sei prinzipiell möglich, dass Kinder, die im Alter des Mädchens sind, Geschichten erfinden. Der Wahrheitsgehalt der Aussage werde deshalb durch ein kompliziertes Analyseverfahren vom Psychologen untersucht.

Laut Herzog haben Kinder, die sexuell missbraucht wurden oder Gewalt erfahren haben, meist das Bedürfnis, sich mitzuteilen. Deswegen lassen die Psychologen sie einfach erzählen. "Die Kinder werden nicht unterbrochen. Sie haben mitunter noch kein Unrechtsbewusstsein, wie Erwachsene es haben, und erzählen daher offen. Wenn etwas unklar bleibt, wird erst nach der Gesprächsphase danach gefragt", sagt der Psychologe, der auch an der Universität Wien lehrt.

Mitteilungsbedürfnis

Auf dieses Mitteilungsbedürfnis, das oftmals schon ab dem Alter von zwei Jahren besteht, sollten Mütter und Väter vertrauen. Ist die Bindung zu den Eltern gut, erzählen Kinder im Ernstfall unaufgefordert, was passiert ist. "Es ist Eltern davon abzuraten, immer wieder aktiv nach Vorfällen zu fragen. Das ist nicht sinnvoll und könnte das Kind sogar erst auf solche Gedanken bringen", sagt Herzog.

Die Vierjährige und ihr Vater werden nun vom Jugendamt betreut. Vorher sei die Familie dort nicht bekannt gewesen. Befinden sich Betroffene – wie im konkreten Fall – im Spital, sei keine akute Gefährdung gegeben. "Dann kann es dauern, bis das Jugendamt eingeschaltet wird", sagt Sprecherin der Berhörde Herta Staffa. Der Vater des Mädchens ist bei ihm im Krankenhaus.

Die Mutter befindet sich in einer geschlossenen Abteilung in der Psychiatrie. Nachdem ihr Sohn gestorben war, hatte sie versucht, sich das Leben zu nehmen.